August Broil an seine Frau Marga, 15. Januar 1944

Bremen, den 15.1.1943 [richtig wohl: 1944]

Meine liebe Marga,

wenn ich mich jetzt zum Briefe an Dich niedersetze, dann muß ich erst eine Weile ganz still verhalten, um es von der Hetze und den sich jagenden Bildern des Tages ruhig in mir werden zu lassen. Würde ich diese oft recht lange dauernde Entspannungspause nicht einlegen, so wäre das was ich Dir sagen möchte zu stark übertönt von der äußeren Welt und die Tiefen würden nur schwerlich anklingen. Es fällt mir manchmal nicht leicht, an irgendeinem Abend nach bewegten und bunten Tagen einen Brief an Dich zu schreiben so wie ich ihn mir innerlich wünsche. Ich wünsche mir diese Stunden des Schreibens zu Dir stets als ein Fest, als ein Aufbeben der Seele aus ihrer Verborgenheit und Tiefe an das helle Licht zwischen uns beiden.

Manchmal sitze ich ganz lange da, und ich stütze den Kopf in die Hand, und äußerlich ist mir als ob ich nichts zu schreiben wisse. Innerlich dagegen spüre ich so vieles, und ich möchte es alles sagen, aber es ist wie festgehalten in der Tiefe. Eine glättende, ebnende Stille, ein paar ruhige, ernste Gedanken, ein zartes gutes Erleben tuen dann so gut, und sie wirken wie lösende und befruchtende Geister. Und dann wieder können Tage sein, die ganz anders sind, die wie Feiertage sind: die Seele ist von goldener Sonne innerlich durchglänzt, alles drängt zu einem guten sinnvollen Tun ganz ohne Mühe und eigenes Zutun hin. Das sind wohl die liebsten, weil leichtesten Tage, ob es auch für den Menschen und die Bildung seines Innern die wertvollsten sind, das glaube ich nicht. Denn weitaus mehr der inneren Kraft und Bemühung

kosten ihn jene anderen Tage.

Meine liebe Marga, lange habe ich mich heute bei der Einleitung aufhalten müssen. Ich brauchte sie, um mit meinen Gedanken näher zu Dir kommen zu können, um mir ganz bewußt zu werden wie jetzt unsere Herzen zueinander stehen. - Versteh mich recht - Immer ist mir klar welch tiefe Einheit unsere Herzen jetzt bilden, doch das Gesamte herrliche Bild der Bindung zwischen Dir und mir muß immer wieder neu hervorgeholt und gegenwärtig werden. Gott sei Dank, ist es nicht immer so hell vom Licht des Tages bestrahlt, sondern kann beseeligt und beglückt hinuntersinken in bergende, schützende Tiefen. Wie der kostbarste Schmuck nur aus besonderem Anlaß aus dem Dunkel der Truhen hervorgeholt und geputzt wird, so ist es auch mit diesen edlen und heiligen Dingen, die zwischen den

Herzen hin- und herschwingen.

Ich kann es noch garnicht fassen, daß nun unsere Hochzeit schon gewesen ist, daß wir von etwas sprechen müssen, das in der Vergangenheit liegt, unwiederholbar hinter uns. Immer, wenn ich etwas ganz großes erleben durfte, ist es mir so ergangen, daß ich in der Gegenwart des Geschehens so stark in seinem Bann war, daß ich die ganze Tiefe und Breite zunächst nicht erfahren konnte. Erst später, wenn wieder Ruhe und Stille in mir waren, breitete sich ganz allmählich das Bewußtsein des Ungeheuren, des Großen und Unschätzbaren dessen in mir aus, was mir wiederfuhr. So auch jetzt, meine Liebste, tut sich im gegenwärtigen Bedenken und Nachempfinden mehr und mehr die Tiefe auf davon, was nun schon Vergangenheit ist. Das ist die wunderbare Wirkung des Vergangenen in der Gegenwart und für die Zukunft.

Der Sonntagmorgen in der Kaserne ist vorüber. Nun ist Stille des Mittags. Am Nachmittag werde ich mit Heinz ein Konzert besuchen. Erst aber will ich mich von Deinem ersten lieben Brief beglücken lassen. Du, wie wonnig spüre ich daraus alles Gute, das uns in seinen Bann nahm! Wie liebend hast Du all die kleinen Dinge unserer Gemeinsamkeit bewahrt, aus denen Dir mein Gegenwärtigsein entgegen haucht. Ja, Liebste, ich bin Bei Dir und bleibe mit Dir vereint in der Nähe und in der Ferne; denn wir haben uns einander alles gegeben, das höchste und herrlichste was wir zu schenken haben. Aus diesem letzten Einssein wächst ja erst die wahre Gemeinsamkeit, und sie wird so groß und schön, weil sie eingebettet ist in die Ordnung Gottes: sie beglückt und befreit.

Marga, Liebste, wie schön ist jetzt die Sehnsucht, wie klar und rein. Wie haben wir uns so vieles ganz ungezwungen sagen können. Der Brief verblaßt ordentlich gegen die Schönheit unseres Erzählens an den Abenden.

Beglückend war die Erfüllung nach dem inneren tieferen Erkennen. Je mehr wir unser ganzes Sein zueinander tragen können, je feiner und klarer wird das Einsenken des Denkens und schließlich des erfüllenden Tuns.

Es sind jetzt immer nur kleine Zeitabschnitte, die uns so gewährt werden, dazwischen liegen lange Zeiträume, die zum Überdenken und Nacherleben Gelegenheit geben. Wir wollen die Zwischenzeiträume dafür gut nutzen, und wenn uns einmal das Glück eines dauernden Gemeinsamseins beschieden sein wird, dann werden wir uns ganz bewußt sein, wie wir uns mit jedem Tag tiefer

zueinander führen müssen, so wie es jetzt angefangen hat.

Nun nehme ich wieder, auch im Briefe von Dir Abschied. Es soll nie ein trauriger, sondern immer ein froher Abschied sein, weil uns alles gemeinsam Erlebte so froh macht.

Dein August.