August Broil an seine Frau Marga, 19. Januar 1944
Bremen, den 19.1.1944.
Meine liebe Marga,
an den vergangenen Abenden habe ich eine Anzahl von Dankbriefen weggeschickt. Diese Arbeit macht recht viel Freude, weil ich bei jedem beantworteten Brief an die Zusammenhänge denken muß. Bei dem einen erinnere ich mich der Stunde als ich ihn vorlas, beim andern des Schubs unter der Tür her als wir noch in unserem Zimmer waren, beim dritten muß ich wieder an die feinen stillen Tage in Bergisch Gladbach denken. Und so knüpft sich an jeden eine besondere kleine Geschichte, die sich alle um die Tage unserer hohen Zeit ranken. Heute abend nun will ich nicht bei den Briefen und ihren Gedanken sein, sondern heute will ich in diesem Briefe ganz bei Dir sein. Ach es ist so schön in all den vielen Gedanken dich sozusagen ganz zu umfangen und bei mir zu wissen. Denn jetzt, nachdem wir so eins
geworden sind, ist die Innigkeit des Aneinander-Denkens eine ganz andere geworden. Sie ist befreit von allen Verhaltenheit und dafür ganz offen und klar geworden. Mit viel großer Selbstverständlichkeit ist all dieses Neue über uns, besonders aber über Dich gekommen. Ich habe es richtig gespürt, wie Du so ganz natürlich und ungezwungen immer mehr Deine tiefsten Tiefen öffnetest und es Dich von innen heraus drängte, alles, auch das Letzte mir zu schenken - nicht mehr nur die Zeichen der Liebe, sondern das ganze Menschsein, wie Du so fein schreibst. Und dieses Menschsein umfaßt alles, den Leib und die Seele, den Körper und den Geist, das herrlichste Geschöpf Gottes. All dies zu denken macht mich so froh und glücklich. Wie Du vor einem Jahre aus der herben Jungfräulichkeit aufwachtest, in eine zunächst herbe Zweisamkeit hineinwuchst; wie die wundersam aufblühende Liebe Dich immer mehr zu mir hin öffnete und wie dann am Tage unserer Hohen Zeit die beglückende Bereitschaft sich paarte mit dem kostbaren Schleier keuscher bräutlicher Scham. Ach, meine Liebste, es war so
schön, daß alles so war und kein Jota anders. Nur wenn wir so natürlich, wie wir geschaffen sind, ohne jedes Gezwungene zueinanderkommen, können wir die letzte wahre Einheit erlangen, deren Ecksteine wir in unseren Tagen gelegt haben. Meine Marga, wenn ich Dir so alles schreiben kann, dann macht mich das besonders froh - denn offenes, ehrliches und freies Erzählen haben wir in unseren Tagen beglückend und freudig geübt -
Ich habe es Dich oft wissen lassen, wie früher alles vielfach ganz anders in mir gewesen ist. Und das Frühere ist ja nicht einfach ausgelöscht, sondern es ist tief hinabgesunken in das innere Menschsein und bildet dort einen Teil diese Menschseins mit. Darum war ich in vielen Dingen - ich möchte sagen - glückhaft wissend. Und darum konnte ich jetzt umso mehr all mein Sinnen und Tun darauf richten, Dich in rechter Weise zu erkennen, so wie es Dir und dem wie ich um Dich wußte gerecht wurde. Deine Bereitschaft zur Hingabe mußte grenzenlos sein und war es auch, meine Sehnsucht aber durfte verhalten und mußte es auch. So nur konnten wir uns auf so wunderbare Weise öffnen wie Blumenkelche, die sich dem
Licht der Sonne darbieten. Wie gut hat der Herrgott doch uns beide zueinander gerichtet. Wie groß sind die Unterschiede im Werden und Sein eines jeden von uns, und wie beglückt stellen wir stets miteinander fest, daß wir gerade in diesen Unterschieden aufeinander angewiesen sind. Was wir jetzt in den Tagen des höchsten Glückes erfahren, das wollen wir für alle Zukunft unseres gemeinsamen Lebens klar vor Augen halten, und wollen es als einen festen Glaubenssatz für unsere Ehe in unsere beiden Herzen schreiben. Wenn später Zeit und Leben an uns feilen und wirken, dann müssen wir uns darauf besinnen können, daß wir an die hohe Fügung Gottes glauben, die gerade uns zusammenführte. Dann müssen wir immer demutsvoll und dankbar sagen können: es war von jeher alles gut gemacht im Plane Gottes.
Nun ist Dein Brief aus der sonntäglichen Dämmer- und Abendstunde bei mir.
Du sprichst sehr fein davon, wie wir im Wohllaut des Zusammenklangs aller Töne die Schönheit der einzelnen Akkorde noch nicht heraushören. Ähnliches habe ich in meinem letzten Brief allerdings mit ganz anderen Worten ausgedrückt. Es geht mir wirklich so, daß ich im vollen Erleben so darin untertauche, daß ich manchmal selbst die Größe und Höhe des Erlebens selbst zunächst garnicht zu fassen vermag. Erst jetzt aus dem Abstand und der Ferne wird mir immer mehr Schönes und Tiefes bewußt und offenbar. Nun wollen wir aber nicht denken, daß wir uns demnach darüber freuen müßten, nach den wenigen Tagen unserer hohen Zeit wieder fern voneinander zu sein. Das Ding an sich ist gewiß nichts Gutes und Schönes, da es aber einmal nicht zu ändern ist, hat es doch auch wieder sein Gutes in sich. Beim weiteren Zusammensein hätte sich ganz allmählich und im Glück des immer weiteren Sich-Auftuns und Erkennen ein wunderschöner Abstand ganz allmählich und organisch, vor allem aber in feiner Gemeinsamkeit entwickelt. Nun ist es aber so, und das Beste ist uns darin gut genug: Ferne und fast gewaltsamer Abstand
geben uns gute Stunden der Gedanken.
Wie mag es möglich sein, daß die meisten Menschen sich auf ein bevorstehendes schönes Erleben so sehr freuen können, daß die Vorfreude die eigentliche Freude noch übertrifft. Du aber schreibst, daß alles Wünschen und Träumen an das Erfahren nicht heranreichen kann. So ist auch die rechte Ordnung der Freude, oder nicht Ordnung der Freude, sondern das eine ist eben die Freude und das andere ist das Erfahren, beide sind etwas anderes. Das Erfahren allerdings kann Freude und Schmerz auslösen, und beide Möglichkeiten sind stets gegeben. Unser Dank muß darum besonders groß sein, daß wir wirklich Freude aus dem Erfahren als ein großes Geschenk mitbekommen haben. Darum kann uns auch das danken nicht schwer fallen. Und wir wissen dazu noch, daß der gütige Vater im Himmel uns die Freude schenkte. Wie groß ist darum für uns die Möglichkeit aus dem Dank das tiefe Gebet zu formen, das so unmittelbar aus der Seele heraufdringt. Und Du führst den Gedanken wunderbar weiter - ich kann es nicht besser sagen: Die letzten Tiefen des Erlebens zwischen zwei
Menschen lassen auch ihre Erkenntnis für die großen Ordnungen Gottes mehr und mehr in die Tiefe dringen, so Sein Werk und Wirken immer bewußter zu preisen vermögend.
Du Liebste, wie groß ist Deine Freude, wie glänzt sie mir aus allen Worten Deines Briefes immer neu entgegen, am stärksten aber, als Du davon sprichst, daß das Erleben des tiefen Einsseins eine solche Fülle glücklichen Hineinsenkens in die Weisheit des göttlichen Wirkens auslöste. Auch dies ist wieder ein Teil Seines Wirkens und Seiner Weisheit, daß Er all Deine bangen Fragen der Brautzeit durch die tiefste Fülle des Menschseins in Seiner Ordnung ganz einfach verstummen ließ. Ob Du anders zu solcher Erkenntnis seiner Weisheit gekommen wärst?
Meine Marga, laß nun wieder meine Gedanken sich vom Briefe lösen und laß sie wieder frei hinüberschweben zu Dir. Du kannst sie nicht alle kennen, Du weißt darum, wie ich von den Deinen weiß. Laßt uns in den Gedanken weiter wandeln und den Weg bereiten für alles, was der Herr uns zu tun und zu vollenden aufgibt
Dein August.