August Broil an seine Frau Marga, 22. Januar 1944
Bremen, den 22. Jan. 44
Meine liebe Marga.
Nach langem Tagewerk setze ich mich am Abend der Woche zum Schreiben nieder. Vielleicht sitzt auch Du jetzt zu Hause in unserem Zimmer und schreibst, nachdem Du den Abend der Woche zunächst in der Krypta gefeiert hast, in unserer Krypta, so dürfen wir jetzt bald sagen. Ich denke mich hinein, wie Du dort sitzt und schreibst und Deine Gedanken im Briefe festzuhalten versuchst, wie Deine Gedanken ganz erfüllt sind von all dem, was uns wechselseitig bewegt und was in uns lebt. Wo mögen sich die Gedanken auf dem Wege von dort zu mir und von hier zu Dir treffen? Es wird garnicht irgendwo auf dem Wege sein, sondern es wird in den tiefen Kammern der Herzen sein, wo sie einander begegnen. Wenn ich ganz still in mich hineinhorche, dann merke ich gut, wie sie fortwährend einströmen in das liebende Herz. So glaube ich, ist es auch
bei Dir in den Kammern Deines froh aufgetanen Herzens. Wenn es dann so ist, dann möchte ich weder schreiben noch sonst etwas tun, sondern nur still dasitzen und lauschen und bei Dir sein in meinen Gedanken. Ich möchte dann gar keinen Problemen nachhängen mit dem suchenden und nüchternen Verstande, sondern nur all das in mir sich ausbreiten lassen, was Du bist und wie Du in mir lebst. Dann spüre ich, daß Du in mir lebst und daß Du in mir wirkst, ich spüre wie Dein Sein meinem Sein begegnet, diese beiden ganz anderen. Wie sie voreinander stehen und sich zu erkennen suchen und sich öffnen wollen: alle tiefen Geheimnisse ihrer Herzen. Zwei sind sie in einem Fleische aber die Geheimnisse ihrer Herzen sind noch wenig erforscht, so ungeahnt tief sind sie, und alles Mühen um das weit werden kann bei aller Ehrlichkeit nur ein Beginnen
gewesen sein in der Begrenztheit der äußeren Möglichkeiten. Oh, Du Liebste, es liegt noch ein ganzes langes Leben, das Gott uns schenken möge, vor uns, und in dem Leben werden die Tiefen nie aufhören sich aufzutun. In der nie ruhenden, nie still stehenden, nie endenden Erfahrung des Lebens werden die Tiefen sich öffnen und schließen, wie der Rhythmus des Lebens es will. Wenn ich unser beider Sein so voreinander spüre, dann leuchtet visionhaft vor mir auf, wie tief ich Dich noch versenken kann in mein Inneres; ich kann die Worte nicht finden zu dem, was ich Dir hierzu sagen möchte, und sicherlich muß es wohl auch unter den stammelnden Worten geheimnisvoll ruhen und erwarten, und aus dem Nicht-Ausgesprochenen mag Dir mehr entgegengehen als aus dem klarsten Wortgefüge.
Das Geheimnis des Lebens ist in unsere Hand gegeben mit den Worten des Allmächtigen Schöpfers selbst: Wachset und mehret Euch
In die Augenblicke tiefster Wonne und innigster Einheit, die zweier Menschen möglich ist, hat der Schöpfer uns Menschen den Schöpfungsakt hineingebettet. Da verliert alles Trennende alles Eigene, alles Uneröffnete seinen Sinn; denn da ist nur noch eines. Und wenn es Sein Wille ist, dann läßt der Schöpfer aus dieser vorbehaltlosen Einheit, aus dieser Hingabe zweier Tiefen ein neues Leben werden, das nie mehr vergeht, dessen Seele ewig sein wird. Ich muß mich in diese Gedanken ganz innig hineinversenken, um Deine Freude recht zu verstehen, von der Du mir so oft gesprochen und geschrieben hast. Sieh, meine Liebste, Gute, so anders bin ich wie Du, daß ich jetzt in dieser, ich würde sagen begnadeten Stunde etwas von Deiner Freude mitempfinde, etwas von Deiner Tiefe meiner Tiefe begegnet. Ich darf es Dir sagen, daß meine Freude erst nicht so rein und tief war wie die Deine, in dieser Stunde aber
durfte ich sie miterleben. Manchmal hat es mich etwas traurig gemacht, das ich noch anders denken wollte. Auch heute abend als ich den Brief begann, wußte ich noch nicht, wie ich Dir das sagen sollte. Nun darfst Du Dich noch mehr freuen, weil Du mit Deiner Freude tiefer in mir ruhst; wie sind uns begegnet in unseren Herzen.
Die Nacht senkt sich nieder, die Augen werden schwer. Ich werde um unsere Einheit beten, bevor die Träume mich in ihrer Gewalt haben. Gute Nacht Du liebe Marga und die Gnade des Herrn sei mit Dir
Dein August.
Deine Karten und Umschläge sind angekommen. Ich hatte schon eine Anzahl Briefe weggeschickt. Die Karten sind sehr gut dafür zu gebrauchen. Ich werde Dir noch aufschreiben, wem ich geschrieben habe, damit nichts doppelt gemacht wird.
Auf Deiner Begleitkarte steht der schöne Satz: „Du, wäre das eine Freude für uns beide, ja?” Die Formulierung des Satzes mit dem Fragezeichen hat - sicherlich unbewußt - aber doch wohl irgendwie das innere Empfinden und die Situation treffend wiedergespiegelt. Meinen Brief habe ich nicht schreiben wollen, um auf diesen Satz zu antworten, aber nun ist es doch eine Antwort geworden.
Ich habe jetzt hier wieder für eine zeitlang das Recht und damit auch die Arbeit allein. Der Uffz. ist in Erholungs-Urlaub gefahren. Hoffentlich kann ich danach auch wieder bei Dir sein.
Nochmals in Herzlichkeit und Stille
Dein August