August Broil an seine Frau Marga, 27. Januar 1944

Bremen den 27. Jan. 1943

Meine liebe Marga!

Jetzt ist Vorentwarnung, und ich kann, wenn auch schon spät, noch einen Brief an Dich beginnen. Deine beiden Briefe liegen vor mir, der eine vom Ende der vergangenen Woche, der andere vom Anfang dieser Woche. Der eine Brief wollte mit mir plaudern. Doch wenn Du Plaudern sagst, dann ist ganz etwas anderes darin, dann steckt er so voll tiefer Gedanken, die allerdings so niedergeschrieben sind, wie sie Dir die Gegenwart des Augenblickes brachte, die aber alle in die Tiefe gehen und aus der Tiefe hervorgehen. Immer wieder kommt all das große Erleben aus der Tiefe heraus und wird Wort und kann garnicht anders. Der andere Brief ist von diesem garnicht so stark unterschieden in der Hingabe an die Tiefe des Erlebens und den Ausdruck, den es in Deinen Gedanken gefunden hat. Wie überhaupt die meisten Deiner Briefe einen gleichmäßigeren Rhytmus haben. Bei meinen

Briefen ist das ganz anders. Ich freue mich immer, wenn Du beim Lesen meiner Briefe gespürt hast, was sie aus meinem Innern, aus meinem Wesen und der jeweiligen Verfassung zu Dir tragen; denn sie sind immer ein Spiegel meiner selbst. Die wenigen gemeinsamen Tage, wie wir hatten, waren immer Festtage. Die Briefe aber spiegeln oft den Alltag wieder, so wie er sich auf mich legt oder wie ich damit fertig wurde. Wenn ich an einem rauhen, vielleicht sogar nicht ganz glücklichen Tage doch einen Brief wage, dann spürst Du diesen Tag aus meinem Brief heraus. Diese Briefe sind schwer, denn sie fließen nicht leicht von der Feder wie die guten Dinge, wenn immer alles glänzt und singt. Aber es sind auch gewichtige Briefe, die uns da näher bringen, wo einmal unsere ernste gemeinsame Arbeit beginnen wird, wenn wir ganz zusammen sind, ohne Abschied. Und meine Freude ist besonders groß, wenn ich Dein Bemühen gewahre, das Du gerade diesen Dingen

entgegenbringst. Damit arbeiten wir gemeinsam auf das hin, was unsere Aufgabe für später sein wird. Wie fein kommt in unseren Briefen die Unterschiedlichkeit unserer persönlichen Veranlagung zu Tage! Und wie bemerken wir stets aufs Neue, daß gerade diese beiden Wesenseigenheiten einander zugeordnet sind. Dadurch, daß Gott, der Herr unsere beiden Wege zusammengeführt hat und sie nun in der Ehe segnete, ist erst der kostbarste Teil Deines Wesens zur Entfaltung gekommen und Dir zur Aufgabe geworden. Anders wäre dieser Teil vielleicht nie geweckt worden. Dank Gnade und Gabe ist das gläubige Vertrauen, das Gefühl, sich geborgen zu wissen in der Hand Gottes ein Teil Deines Wesens, der Dir eine gute Sicherheit und einen geraden Weg schenkte. Sie nun nicht allein in Dir wirken zu lassen, sondern mit großer Liebeskraft für den Menschen hinzugeben, den Dir Gott schenkte, das ist die Aufgabe des kostbaren Teils Deines Wesens. Und es wird eine ganz trauliche Aufgabe sein, weil sie nicht drängend und herrschend sein wird, sondern dienend und wartend, dann immer da-

seiend und spürbar werdend, wenn Sturm oder Kampf des Tages und unserer Zeit sie fordern.

Meine Liebste, auf welch seltsame Gedanken hat mich dieser Brief oder haben unsere Briefe mich geführt. Aber so seltsam sind sie garnicht. Das Fernsein löst unwillkürlich viele Gedanken aus und läßt sie Probleme anfassen oder sucht sie zu lösen, die wir bei naher Gemeinsamkeit garnicht so ernst und gewichtig nehmen würden, weil die „Praxis” des täglichen Zusammenseins viel mehr glätten und ebnen könnte, weil sie im fortwährenden gemeinsamen Leben und Ergänzen harmonisch eins aus dem andern lösen würde. Da ist wohl auch die Grenze des Briefes gegen das Leben. Wir beide haben tief erfahren, welche Reichtümer der Brief uns erschloß, aber wir erfahren nun auch, daß er sich oft mit Dingen plagen und mühen muß, die das Leben gut und leicht hat. Solange aber die Verhältnisse so sind wie jetzt, trägt der Brief ungemein starke Ströme hin und her, und wir können sie ihm getrost anvertrauen, und wir haben gelernt, sie zu lesen und zu werten.

Meine Marga, der Tag geht zu Ende. Er bringt jetzt immer viel Arbeit, so wie er auch Dich stark einspannt. Beide wollen wir die Arbeit freudig erfüllen; sie soll uns ruhig rechtschaffen müde machen. Soweit es möglich ist, wollen wir der Ordnung, die der Körper verlangt, gerecht werden. Im Monat Februar wird ein Lehrgang für Rechnungsführer abgehalten, an dem ich teilnehmen muß; abschließend ist Prüfung. Damit wird allerdings die Arbeit noch etwas angespannter werden, weil ich mich im Augenblick nicht besonders dafür frei machen kann wegen des Urlaubs meines Uffz. Aber es wird schon gehen. Hoffentlich kann ich zwischendurch einen Kurzurlaub einschieben.

Diesem Brief lege ich zwei Ansichtskarten bei, wenig schöne Aufnahmen nüchterner Kasernenbauten. Dir aber werden sie Freude machen und Dir manches erzählen können. Ich weiß wie Du Dir immer alles vorzustellen versuchst, wie mein Tag hier ist, wo meine Schritte hin- und hergehen. Wenn ich von Dir zurückkomme, dann gehe ich dieses Gitter entlang. Gleich der erste Block ist der Block der 1. Batterie. Von der Straße aus kann ich in das Büro hineinsehen.

Im Sommer grünte es eifrig hinter dem Gitter und zahlreiche Hollunderblüten verströmten süßen Duft. Dann gehe ich am zweiten Block entlang und dann durch die Wache. Es ist kein hohes, düsteres Tor da. Und ich sehe wieder den großen viereckigen Platz, auf dem die Soldaten üben: den Kasernenhof. Nach dem Hof zu liegt dann meine Stube. Meist aber bin ich in den freien Minuten und Stunden im Büro nach der Straße zu. Weiter im Hintergrund, die letzten beiden Blocks an der Straße, liegt die Hindenburgkaserne und auf der anderen Straßenseite, auf dem Bilde nicht zu sehen, aber ähnlich angelegt, die Scharnhorstkaserne.

Gleich wird das Büro nach der Straße zu dunkel sein, dann gehe ich über den Flur zur Stube, meist bin ich der einzige „frühe” Gast dort. Wie fein schriebst Du von den Stunden des Abends und von den Gedanken an mich. So sind auch meine Gedanken an Dich, Liebste.

Gute Nacht, Du, meine Marga, und Gottes Schutz und Segen mit Dir

Dein August.