August Broil an seine Frau Marga, 31. Januar 1944

Bremen, den 31.1.1944.

Meine liebe Marga.

Ich bin garnicht froh darüber, daß Du länger auf einen Brief von mir warten mußt. Sogar Samstag und Sonntag konnte ich im Brief nicht bei Dir sein. Es ist schon Montagabend, und ich will heute ein paar Stunden dafür freimachen. Erst die „amtlichen” Dinge. Den Familienunterhaltsantrag schicke ich im besonderen Briefe mit der Einstellungsbescheinigung. Die fehlenden Angaben habe ich mit Blei eingesetzt, damit Du sie mit der Maschine nachschreiben kannst. Unter Sonstiges Einkommen habe ich noch RM 40.- aus Bezügen des Kurzschriftunterrichts eingesetzt. Unklar ist mir, ob unter IV 11. die freiwillige Spende der ARG einzusetzen ist.

An Familie Heinen in Großburgwedel werde ich schreiben. Es wird sich dann klären, ob wir ein anderes Zimmer beschaffen müssen für unsere Zwecke. Es wird ratsam sein, wenn Du Dich darum bemühst in dem Sinne, daß die Zwillinge es bekommen, wenn wir kein neues Zimmer be-

nötigen.

Am Samstag Nachmittag habe ich ein gut Teil der Glückwünsche beantworten können. Es ist doch eine recht umfangreiche Arbeit, wenn jeder ein persönliches Wort bekommen soll. Die Zeitung kommt jetzt regelmäßig und pünktlich, nur habe ich meist wenig Zeit, sie regelmäßig zu lesen.

Heute sollte der Vorbereitungs-Lehrgang auf die Rechnungsführerprüfung beginnen. Er ist um 14 Tage verschoben. Ich versuche mit allen Mitteln in der Zeit zwischen Rückkunft des Uffz. und dem neuen Beginn des Lehrgangs (9.- bis 14. Febr.) Kurzurlaub zu bekommen. Du, wenn das gut geht; es wären nur noch 10 Tage bis dahin, und dann wäre ich wieder bei Dir. Die Sehnsucht, mit Dir zusammen zu sein, ist groß, sie ist um vieles größer als während unserer Brautzeit. Wie ein Quell aus den Tiefen ist sie aufgesprungen und das Sprudeln und Schäumen der Wasser wollen wir nicht eindämmen, weil wir wissen, wie sehr es uns beglückt und zugleich schwer wird.

Meine liebe Marga, ich möchte jetzt auf Deine letzten Briefe etwas sagen können, das so schön und gut ist, wie das, was Du gesagt hast.

An jede Deiner Zeilen möchte ich anknüpfen und den Gesang Deines Glückes erwidern. Wenn Du schreibst von der Grenze des Wortes und seinem Unvermögen das wirklich Erlebte wiederzugeben, so mag das stimmen - mir geht es fast immer so - aber wir wollen bedenken, daß wir beide es sind, die sich diese „unvollkommenen” Briefe schreiben, wir beide, die wir uns so tief in die Herzen schauen dürfen. Wenn ich dann einen solchen Brief in meiner Hand habe, der nur ein Stammeln sein kann, dann sehe ich Dich doch so ganz dahinter stehen, ich spüre aus jedem Wort, wie Du alles hineinzulegen versuchst, was Dich beglückt und erhebt: Das ganze herrliche Sein Deiner Seele. Wie fein schreibst Du immer von den kostbaren Stunden, die Dir ein Brief von mir bereitet. Die armen Worte sind es nicht, es ist Dein liebendes Sich-Hineintasten in die Tiefen des Geliebten, die das bewirkt; der Brief ist dann etwas so Glückhaftes. Die ganze Fülle der Gedanken und Gefühle läßt er gegenwärtig werden, auch wenn nur ein paar karge Worte oder Gedanken gesagt sind. Ob ich es einmal so ausdrücken kann:

Ferne wird nah in der Stille,
Worte sind Brücken zu Dir,
Worte versinken im anderen Meer,
Seele ist weit wie das Meer.

Du, Geliebte, ich sehe Dich ganz,
Sehe Dein Herz, Deine Liebe.
Du tauchst hinein in das endlose Meer,
Unlösbar sind wir verbunden.

Du Marga, ich kann es auch nur in solchen Vergleichen sagen. Viel mehr gelingt mir heute abend nicht. Es ist wahrlich ein seliges Begegnen, dem wir uns ganz hingeben dürfen.

Dein August