August Broil an seine Frau Marga, 5. Februar 1944
Bremen, den 5. Febr. 1944.
Meine liebe Marga,
wieder ist der Abend der Woche da, einer arbeitsreichen, vielfach guten und frohen, aber auch zuweilen innerlich nicht leichten Woche. Seit langem sind wir es gewohnt an diesem Abend eine Rückschau zu halten auf den Ablauf der Woche, wie wir sie bestanden und auch wie wir unterlagen, was uns geschehen ist in der Arbeit, im Erleben, in der Begegnung mit den Menschen um uns und schließlich nicht zuletzt, wie wir beide unseren gemeinsamen Weg weitergeschritten sind. All das zusammengenommen steht dann als unser augenblickliches Bild vor dem Herrn; denn von Ihm aus und in Ihn hin mündet alles, was wir sind. Wenn der Sonntag mit seiner feierlichen Hochstimmung zu Ende geht und uns der Alltag der Woche wieder in seinen Bann nimmt, dann wirken die Ausstrahlungen des Herrentages noch kraftvoll in das Auf und Ab des Alltages hinein. Ernste Gedanken sind es jeden
Sonntag, die mich an die bevorstehende Woche denken lassen. So sehr möchte ich und nehme mir vor, daß jede Stunde der Woche erfüllt sein möge von dem guten und ruhigen Stehen über dem kleinen Geschehen. Aber ich erfahre dann doch allzuoft, daß ich so sehr wieder unter dem Zwange und Gebundensein der jeweiligen Stunde stehe. Es ist ja das, vorüber wir schon so häufig gesprochen haben, das Auf und Ab, das beständige Wogen des Lebens.
Sollen wir traurig oder mutlos sein, daß es so ist? Ich meine, wir könnten getrost dankbar sein, daß uns in dem Schweren und Lastenden, das oft über uns kommen mag, so wundersame Stunden und Tage geschenkt werden. Je mehr wir in den Erfahrungen des Lebens voranschreiten, je mehr lernen wir auch, die Wirklichkeit des Lebens als Tatsache hinzunehmen, nicht einfach ergeben, sondern als Tatsache mit der wir rechnen können und müssen. Dadurch sind wir auch befähigt, unser Wirken darauf einzustellen und danach zu handeln: Wenn dunkle
Stunden kommen, nicht stumpf und teilnahmslos die Hände in den Schoß legend, wenn helle Stunden uns beglücken, nicht überschwenglich die Wirklichkeit vergessend. Beides miteinander in Einklang zu bringen, aufeinander abzustimmen, das Eine befruchten durch das Andere. Dann hat das Leben das Leben seinen geordneten und geregelten Rythmus. Erst in diesem Zusammenspiel aller Kräfte, die eines Menschen Brust durchströmen kommt das ganze Leben zur Entfaltung, so wie es und von Gott geschenkt ist.
Nun werden wir bald wieder Stunden wirklichen gemeinsamen Glückes verleben, wenn ich wieder bei Dir bin. Du Liebste, in der Zeit seit unserem ersten tiefen Zusammensein während unserer hohen Zeit bis jetzt, haben wir einander hohes und gutes sagen können in den Briefen. Nun werden wir wieder von Mund zu Mund miteinander sprechen dürfen, werden uns alles sagen dürfen, was wir im Herzen füreinander spüren, offen und frei wollen wir unser Inneres wieder voreinander auftun. In kurzen Stunden soll sich wieder so viel ereignen
was uns sonst vielleicht nur in wochen- und monatelangem Beisammensein möglich wäre. Wir wirken ganz bewußt daraufhin, daß diese wenigen Stunden tiefster Gemeinsamkeit uns so festlich werden. Eigentlich ist es auch gar nicht so schwer für uns, daß diese Stunden so werden können. Es hat sich in den wenigen Wochen des Fernseins soviel Kraft und innere Spannung in uns angesammelt, daß es wie ein beglückender Sturm über uns kommen muß, jedoch nicht ungestüm und gewaltsam - Du weißt schon, wie ich das meine. Wie fein hast Du das in einem Deiner letzten Briefe ausgedrückt: „Unser Leben wird nicht nur ein miteinanderleben sein, sondern ein ineinander- und füreinanderleben, das dem immer neu sich vollziehenden Einssein entspricht und nur dadurch möglich ist.” Dieses sich vollziehende Einssein ist ja die wundersame Kraftquelle der Ehe, weil es in seiner rechten Ordnung und Harmonie zwischen Körper und Geist immer neu ist.
Die Liebe, die uns zueinanderführt und eins sein läßt, vermag den ganzen Menschen mit Leib und Seele, Körper und Geist hinzuschenken dem anderen. Ach Liebste, welches Glück ist es, daß wir so froh und offen von diesen wundersamen und beglückenden Dingen sprechen können. Wie wollen damit nicht überheblich sein und uns gut dünken, als ob wir aus eigener Kraft dazu gekommen wären. Wir wollen vielmehr ganz dankbar sein, daß der Herr uns soviel Einsicht geschenkt hat, die rechten Zusammenhänge zu erkennen.
Marga, mit Deinem letzten Brief habe ich es einmal ähnlich gemacht wie Du es mir schon oft geschrieben hast. Ich habe ihn erst in einer stillen Abendstunde geöffnet und dann eine ganz festliche Stunde gehabt. Das kleine „Öpferchen” lohnt sich, wenn es auch nicht immer möglich ist. Man hat dann sofort und ohne Störung den rechten Eindruck, der sich tief einprägt.
Das hat mich sehr gefreut, daß Du in Wuppertal Familie Heimen getroffen hast. Nachdem wir nichts von ihnen gehört hatten, waren unsere Vermutungen über ihr seltsames Verhalten recht zweiflerisch. Für Matthias wird sich vieles ändern, wenn er nach der Umschulung zum Kampfeinsatz kommen sollte. Doch werden die beiden, mutig und lebensfroh auch das Schwere überwinden können.
Es ist Sonntagmorgen geworden. Er war wieder so schön wie viele Sonntag vorher. Heute glänzte schon eine helle Wintersonne, als ich zur Kaserne hinausging, während an den früheren Sonntagen trüber, dunkler Regenmorgen war. Der Priester trug das violette Gewand und der Herr dingte seine Arbeiter für den Weinberg. Wir beginnen zu jäten und zu wirken, aber wir sollen nicht nach Lohn fragen, unser Auge könnte neidisch werden.
Sei herzlich gegrüßt, meine liebe Marge, bald sehen wir uns wieder
Dein August