August Broil an seine Frau Marga, 17. Februar 1944

Bremen, den 17. Febr. 1944.

Meine liebe Marga.

Bevor ich heute anfing zu schreiben, brauchte es einer langen Zeit sinnender beschauender Vorbereitung. Lange lag das Blatt zum Brief weiß und blank vor mir. Es ist die rechte Stimmung zu einem Brief mit „langer Einleitung” in mir. Ich weiß, daß es bei Dir jetzt ganz anders sein muß: Die Gedanken drängen sich so stark herein, daß Du sie kaum alle zu fassen vermagst. Ich sinne oft darüber nach, wie das in meinem Innern zugehen mag, daß Zeiten und Tage hoher Stimmung abgelöst werden von den Zeiten des bedrückten, um nicht zu sagen leeren und unstet umhertastenden Herzens. Wie hast Du dieses Unterschiedliche selbst oft erfahren in der kurzen Zeit unseres gemeinsamen Weges sowohl in der persönlichen Begegnung wie in der des Briefes. Wenn ich mich der Ursachen dieses Sachverhaltes ver-

gewissern will, dann muß ich tief in die Zusammenhänge hineinschauen, die maßgebend am inneren Bild des Menschen beteiligt sind. Dies innere Bild, in seinen ursprünglichen Anlagen und Grundzügen oder bildhaft gesprochen in seinen Material-Urstoffen, den Arten der Farben, des Untergrundes und der Bindemittel durchaus fest bestimmt, ist im Verlauf seines Werdens und Reifens zum Bild vielfachen und ständigen Wandlungen unterworfen. Wie das Leben nie still steht, sondern ständig sich formt und bildet und aus tausend Wandlungen sich ständig neu wird, so auch dieses innere Bild. Der Pinsel des Lebens trägt die vorgegebenen Farben in unermüdlicher Folge stets neu auf die Leinwand. Licht und Umwelt sind aber diesem Bild ganz ausschlaggebende Faktoren, es zu sehen und als Bild zu wirken. Wie ein dunkler Tag

die Farben matt und stumpf, die Nacht sie schließlich ganz verlöschen macht, so macht seine helle Sonne sie leuchtend und froh. Unter dieser Einwirkung ist es dann schwer zu sagen, das Bild an sich ist so oder so, diese oder jene Farbe sei in Wirklichkeit oder vom Ursprung her ganz anders. Gerade so, liebe Marga, denke ich über das Bild meines Innern, so wie es immer vor Dir stehen wird. Ich meine mir also die vielfachen Wandlungen und Stimmungen so erklären zu müssen, daß die Kräfte und Wirkungen des Außen allzu stark auf es einwirken. Wie empfindsam steigen und fallen schönste Gefühle und Gedanken mit der Gunst und Widerwärtigkeit äußerer Einflüsse. Ich muß zuweilen eine beängstigende Abhängigkeit von solch äußeren Dingen feststellen. Diese Veranlagung mag an sich nichts Schlechtes und Nachteiliges sein. Sie kann es jedoch werden, wenn sie zu einer wirklichen

Abhängigkeit führt; denn dann könnte sie in ihrer weiteren Auswirkung und Tiefe, das innere Bild zum Verlöschen bringen, das dann nur noch glanzlos und verstaubt in einer vergessenen Ecke stände. Von Natur aus meine ich, daß dieses Wechselspiel zwischen außen und innen für die Gestaltung des Gesamtlebens etwas Großes und Schönes ist, wenn das rechte Verhältnis der Kräfte gewahrt bleibt. Denke nur wieder an das Beispiel des Bildes, dessen Vielgestalt und Fülle seiner Erscheinungen erst in allen Schattierungen zwischen Licht und Dunkel volle Wirkkraft erhält. Was sollen wir tun, Liebste, muß ich in diesem Augenblick fragen, wo mir die Zusammenhänge besonders ins Augenlicht fallen. Und diese Frage muß ich jetzt mit dem „Wir” stellen, nicht mehr mit dem „Ich”; denn das innere Bild, von dem ich sprach, hat jetzt sein Gegenbild in Dir, meine Liebste, und es soll aus den beiden ein vollkommeneres, neues Bild

geschaffen werden. Es wird mir wohl ums Herz, wenn ich daran denke, daß ich von diesen Problemen - so will ich es ruhig nennen - offen und ganz ehrlich zu Dir sprechen muß - ich möchte nicht sagen: „sprechen kann”; denn des drängt mich von innen heraus dazu, aus den Tiefen es für Dich heraufzuholen. Von je her war mir das nicht leicht, doch das Eis ist, wie du weißt, jetzt längst gebrochen. Ich weiß, mit welch offenen Händen Du bereitwillig alles aufnimmst, was aus meinem Innern zu Dir kommt. Manchmal und auch jetzt frage ich mich jedoch, wie es möglich sein mag, daß immer wieder ich es bin, der Deine Hilfe braucht. Müßte es nicht eigentlich umgekehrt sein und müßte nicht eigentlich ich es sein, von dessen Kraft und innerer Haltung Du getragen sein müßtest? Doch es wird wohl so sein, daß das Wort vom starken Geschlecht hauptsächlich nach außen hin seinen Sinn hat; während nach innen hin ganz andere, tiefere Kräfte ihre geheimnisvolle Wirksamkeit

beweisen. In der tiefen Lebens- und Liebesgemeinschaft der Ehe beweist und bewährt sich erst ihre wahre Kraft und innere Stärke an den schwierigen und schwachen Stellen. Groß wird ihre Liebe erst dadurch, daß sich beide Liebenden in größtem Vertrauen selbstlos hingeben und das scheinbar Niederdrückende und Lastende zum Ausgangspunkt ihrer gegenseitigen Hingabe-Freudigkeit machen. Wir beide wollen ja in unserer Ehe viel viel mehr als zwei sich gern habende gute Menschen sein, wir wollen die Gemeinschaft zu lenken und führen, daß sie zu wahrer Gemeinsamkeit werde, zu einem in sich geschlossenen Bunde, dessen umschließendes Band Gott selbst geknüpft hat. Dürfen wir da aus irgendwelchen selbstgefälligen Erwägungen auf dem Wege zur letzten Offenheit, der Voraussetzung dieser Gemeinsamkeit, irgendwo Halt machen?

Immer wieder, wenn wir solche Gedanken ausgetauscht haben und uns Zweifel kamen am eigenen Verdienst, am Wert oder Unwert unserer Selbst, am rechten Verhältnis der inneren Kräfte zu-

einander, dann haben wir schließlich nur das eine sagen können: Verdienst und Wert sind nicht Selbstzweck, sondern Werkzeuge im Plane Gottes, in den auch wir mit unserer Ehe eingesponnen sind. Darum laßt uns getrosten Mutes so sein wie wir sind, das aber ehrlich und offen und ganz, dann wird die gottwohlgefälligste Gemeinsamkeit daraus erwachsen.

Eben blies der Hornist den Zapfenstreich. Ich will dem Tag des Soldaten noch eine Weile hinzufügen, um Deinen ersten Brief nach unseren gemeinsamen Tagen zu beantworten. Gedanken sind darin, die mir wirklich Freude machen: „Die Selbstverständlichkeit, mit der wir alles hingenommen haben”. Diese Selbstverständlichkeit habe ich am stärksten erlebt nach unserer ersten Nacht, als ich Dir die kurzen Töne sang. Es war die Freude des Hineingenommenseins in die große Ordnung Gottes, die allem Dunkel und Belastenden der Stunde, also der Unordnung abhold ist. Da durfte ich wohl Freude und Jubel erschallen lassen, und alle Trauer und Dunkelheit früherer Zeit war verblichen.

Daß die tiefen Gefühle der Liebe, der Freude, des Schmerzes und der Trauer von Deinem Herzen Besitz ergriffen haben und der Verstand ein wenig mehr schweigen muß, hat mir besondere Freude gemacht. Sehe ich doch daraus, welch tiefe Wandlung all diese herrlichen Gefühle in Dir vollführten. Und es ist gut so für Dich. In einem nächsten Brief muß ich Dir über die Tage selbst noch etwas schreiben.

Marga, Liebste, alles, was ich Dir schreibe soll Dich froh machen, auch wenn es zuweilen schwer und ernst sein muß; es ist ja nur geschrieben im Hinblick auf die gemeinsame, wirkliche Freude.

So bin ich dann

Dein August

Die Stadtverwaltung Köln hat der Einheit bereits mitgeteilt, daß Familienunterhalt gezahlt wird, allerdings nicht in welcher Höhe. Der Rechnungsführer-Lehrgang ist voll im Gange, es soll viel gelernt werden. Leider ist es eine recht trockene Angelegenheit.