August Broil an seine Frau Marga, 21. Februar 1944

Bremen, den 21. Febr. 1944.

Meine liebe Marga,

mit einer kleinen Plauderei über die Geschehnisse und Erlebnisse in Bremen will ich diesen Brief an Dich beginnen. Seit langer Zeit strahlte am gestrigen Sonntag zum ersten Male wieder die helle Sonne freundlich vom Himmel. Hein Berlage wollte den Sonntag mit mir zusammen verleben. Wir hatten deshalb dafür gesorgt, daß dienstfrei war. Obwohl der ursprüngliche Plan zur Gestaltung des Tages durch die langen nächtlichen und Tagesalarme umgestoßen wurde, hatten wir doch einen erlebnisreichen, feinen Tag, jedenfalls haben wir uns dadurch nicht den Mut nehmen lassen und auch nicht die frohe Stimmung. Den Morgen des Sonntages konnte ich nicht in der gewohnten Weise begehen, den Besuch der Messe mußten wir auf den Nachmittag verschieben. Mittags wollten wir dann gleich nach dem Essen, also gegen 12 Uhr aus der Kaserne sein, aber ein weiterer Alarm hielt uns bis 3 Uhr fest. Die helle Mittags-

sonne mußten wir darum ungenutzt lassen. In der voraufgegangenen Woche hatten wir schon an einigen Abenden zusammengesessen, etwas musiziert und gesungen - Das Singen ist dabei allerdings meist an mir, weil Heinz, obwohl Musiker, kaum singen kann. Er hat sich wirklich gefreut über die Lieder von Ruth Schaumann: Die Kreatur und der Singende. Durch Verwendung alter Kirchentonarten hätten die Lieder etwas Urtümliches, von moderner Überkultur Freies, vor allem da, wo durch Weglassen eines festen Taktmaßes der eigenen Gestaltung des Liedes freien Raum gegeben sei. Aus den Kirchentonarten seien auch die seltsamen, unseren verwöhnten und verbildeten Ohren fremden Tonschritte zu verstehen. So ist auch die schwere Erlernbarkeit einiger Lieder erklärbar. Nach kurzem Imbiß in Heinz' Gastwohnung sind wir wieder in die Stadt gefahren zur Johanniskirche, um die Messe mitzufeiern. Aus Anlaß des Dreizehnstündigen Gebetes schloß sich eine Andacht

im alten Stil an, die uns wenig Freude bereitet hat. Diese Andachten sind uns ja auch sattsam bekannt; es fällt mir immer, wenn ich zufällig Gelegenheit hatte, schwer, Andacht zu haben.

Meist sind diese Andachten etwas so Zerfahrenes und bürgerliches Bequemes in der Art ihrer Gestaltung, daß sie uns Verwöhnten kaum etwas bedeuten: Es fehlt der Geist, der innere Halt in diese Art Andachten. Wie anders war dagegen die schlichte Andacht am Sonntag vorher in Hohenlind. Heinz wollte am Schluß noch Orgel spielen, aber ein neuer Fliegeralarm hinderte daran. Also sind wir - wenn auch etwas enttäuscht, so doch frohgemut durch die Dämmerung des klaren Winterabends spaziert, auf baldige Entwarnung hoffend. Bei Heinz zu Hause haben wir dann ein paar feine Stunden gehabt. Heinz spielte einige klassische Stücke auf dem Klavier, und dann versuchten wir auch Flöte und Klavier zusammenzubringen. Aus dem Spielmann suchten wir uns alte Volkslieder dazu aus. Dazwischen las ich

Lipperts: „Was sollen wir heute spielen”. Wie sind mir doch beim Lesen all die wundersamen Gedanken und Gespräche wieder gegenwärtig geworden, die wir beide an diese Lesung verknüpften, damals nach dem „verunglückten” Tage. Auch diesmal paßten die Worte wieder ganz in die Situation, und die Art, wie Lippert die Gedanken bringt, ist so zwingend, daß sich ein einsichtiger und aufgeschlossener Mensch ihrer Gewalt nicht verschließen kann. So also ging der Sonntag gut zu Ende.

Bei den Wegen, die ich so hin und her machte, bei dem Gang durch die winterliche Wallanlage mußte ich immerfort an den vergangenen Sonntag denken, als der kalte Wind uns auf dem freien, ebenen Feld entgegenschlug als wir die schützenden Bäume verlassen hatten. Deine Nähe, und all das Gute gemeinsam Erlebte wurde mir ganz gegenwärtig. Wie ich überhaupt im Laufe der vergangenen Woche an so viele Dinge unserer kurzen Tage des

Zusammenseins denken mußte. Ich sprach schon in meinem letzten Brief davon, daß ich darüber noch etwas schreiben wolle. Es liegt mir so sehr am Herzen, wie wir unsere Tage gestaltet haben. Es wird immer so sein, daß wir nie einen festen Plan für solche Tage vorher aufstellen können. Das lassen die Verhältnisse garnicht zu, und es würde auch nicht richtig sein. Denn das Schönste ist doch, wenn die Tage so ganz als Geschenk in uns eingehen. Und wie herrlich so ein unvorbereiteter Tag sein kann, das haben wir so fein erlebt, als wir Lipperts „Was sollen wir heute spielen?” gelesen haben. Nur vor einem müssen wir uns bewahren, weil ich darin eine Gefahr spüre: daß wir die Ordnung des Tages nicht verlieren. Und ich meine, daß das zuweilen etwas geschehen sei an unseren Tagen. Wir haben das auch beide empfunden, und es kam uns zum Bewußtsein, wenn wir mit der Ordnung der Eltern und Geschwister in Schwierigkeiten gerieten. Wie ich Dir voriges Mal schrieb, beeindrucken mich solche Dinge ganz besonders, und das Erleben ist, wenn auch nicht davon

abhängig, so doch stark beeinflußt. Du Marga, ich möchte die herrlichen Nachtstunden aus Gladbach, wo wir lange erzählend und plaudernd beieinander waren, nicht vermissen. Doch müssen wir sie uns das kleine Opfer, den andern Tag nicht darunter leiden zu lassen, kosten lassen. In Gladbach waren wir nun recht unabhängig, und darum ging alles so zwanglos ineinander über, sodaß wir keine Lockerung der Ordnung empfanden. In Köln, unter den Augen der Lieben war es dagegen etwas anders. Wenn wir da unsere eigene Ordnung, die ja durch unsere ganz besondere Art des Zusammenseins bedingt ist, gelten lassen wollen, so müssen wir den rechten Mittelweg zu finden versuchen, den beiden gerecht wird. Oder denke ich da falsch? Können wir es verantworten, so zu denken, daß unser Erleben so ganz etwas Anderes und Neues ist, das wir dessen Rhytmus ruhig gewähren lassen können, auch dann wenn wir sogar seine Geheimnisse in etwa preisgeben müssen und offenbar werden lassen? Auch den Menschen gegenüber, die uns lieb sind

und die gewiß nur gutes von uns denken?

Sieh, meine liebe Marga, es sind gewiß nur gute Dinge, die uns in den gemeinsamen Tagen widerfahren sind, und doch bedrücken mich diese Gedanken ein wenig. Ich kann mir nur denken, daß es deshalb ist, weil wir beide durch die Umstände gezwungen wurden, nicht ausschließlich bei uns selbst zu sein. Und ich glaube, daß der Wunsch nach einem eigenen Heim neben allen praktischen Erwägungen nicht zuletzt aus diesem, bisher unausgesprochenen Gedanken seine stärkste Triebkraft hat. In dem Glück, das uns beseelt, Liebste, wollen wir nicht davor zurückschrecken, auch solch ernstere Dinge ganz offen und klar einander zu sagen. Sie lassen die Strömungen und Möglichkeiten erkennen, die sowohl von innen wie von außen her die Formen unserer Gemeinsamkeit beeinflussen.

Der heutige Tag heißt in Köln oder man muß wohl sagen: er hieß so: Rosenmontag. Wir wollen nicht überheblich schlecht von all den „Freuden” denken, die ein närrisches Volk einst „beglückten”. Unsere Einstellung dazu wäre ganz klar. In der Gegensätzlichkeit der Ausgelassenheit und der darauf folgenden tiefen Einkehr lag ein heilsames

Erkennen alles Vergänglichen unserer Welt. Und die Mutter Kirche sagt es uns am Tage Aschermittwoch mit eindringlichen Worten. Wie kurz wird unser Weg sein und wie viel wird uns zu tun bleiben. Liebe Marga, welch große Aufgabe für unser Leben! Ob der Herr den Beginn unseres Tuns gesegnet haben wird? Meine Erwartung auf Deine Nachricht ist groß.

Ich will in Liebe und Treue Dir zugetan sein

Dein August