August Broil an seine Frau Marga, 1. März 1944

Offensen, den 1.3.1944

Meine liebe Marga!

Am Sonntag Mittag gingen wir wieder, wie so oft, still und ein wenig wehmütig, im Herzen schmerzerfüllt und doch voller Erlebnisse, voneinander. Wir fuhren durch die Ebene Norddeutschlands in die Heide hinein. Im Städtchen Soltau hatten wir bis zum Abend Aufenthalt. Erinnerungen an eine schöne Ferienfahrt, die mich vor Jahren durch das Städtchen brachten, gingen mir durch den Sinn. Es mag wohl sechs Jahre her gewesen sein, und wie hätte ich damals gedacht, daß ich diese Stadt als Soldat wiedersehen würde. Am Abend ging die Fahrt nach Wietzendorf zum Durchgangslager weiter.

Im Lager traf ich einige Bekannte aus Bremen wieder. Früh am anderen Morgen in der Dunkelheit - nachts gefallener Schnee hatte die Erde weiß gemacht, - ging die Fahrt mit der Heidebahn weiter nach Celle. Das Vorkommando für unseren neuen Haufen war im Lager vervollständigt worden. In Celle warteten wir bis zum Abend auf den Abtransport in die für uns bestimmten Dörfer.

Wieder fuhren wir in der Dunkelheit weiter ostwärts, um unser Dorf mit 5 Mann zu erreichen. Zu später Abendstunde langten wir in Offensen an, nachdem wir unser Gepäck noch eine gute Wegstrecke geschleppt hatten. Der Bürgermeister

musste uns noch die Quartiere anweisen, und dann zogen wir bei unseren Leuten ein. Es sind Landleute in ihrer Norddeutschen Eigenart. So überfreundlich sind sie gegen die Soldaten nicht. Es müssen wohl früher schlechte Erfahrungen gemacht worden sein, sodaß man den Leuten eine gewissen Reserve nicht verargen kann. Zuletzt war die SS längere Zeit hier einquartiert. Nun liegt es ja an uns, ob wir uns das Vertrauen der Leute erwerben. Mit einem recht anständigen Kameraden, der als Schreiber vorgesehen ist, bin ich zu einer Frau mit drei lieben Kindern gekommen, deren Mann am vierten Tage des Ostfeldzuges gefallen ist. Man

konnte ihr richtig anmerken, wie es ihr wohltat, ihre ganze Leidensgeschichte uns zu erzählen. Willig haben wir ihr zugehört. Welch große Verantwortung lastet doch auf einer solchen Frau, wenn sie Haus und Hof und Kinder nun mit eigener Kraft ohne die tatkräftige Mithilfe des Mannes versorgen muß.

Meine Marga, nun haben die Briefe von mir wieder ein anderes Bild. Die Umstände zu schreiben sind andere geworden. Es geht jetzt wieder mehr aus dem Stegreif wie sich gerade die Gelegenheit ergibt, wenigstens so lange bis wir im „Büro” eingerichtet sind. Obwohl ich die Tage hier sozusagen im Nichtstun

verbringe, komme ich zu einer guten Arbeit in anderen Dingen noch nicht. Dazu muß man wohl erst wieder „seßhaft” werden. Heute können wir das Märzlied wieder singen. Aber ein kalter Winterwind fegt noch über das weite, ebene Land, und er jagt Eis und Schnee vor sich her. Die frühen Sproße und Keime stehen in ihrem zarten Grün ganz traurig und verweist da. Doch das Land spürt den Frühling allenthalben. Es ist ein herbes, weites Land. Vereinzelte Baumgruppen und Streifen von Kiefernwald lassen das suchende Auge verweilen. Wenn der Sommer mit seinem Grün hier ist, dann wird es sehr fein hier sein.

Du Liebste, der letzte Sonntag oder die gemeinsame Nacht hat uns beiden eine große Freude gebracht: Dir die Freude des Anvertrauens Deines Geheimnisses und mir die Freude des Erfahrens. Wie fein hat der Herrgott uns diese Stunden geschenkt, um uns so das Geheimnis zu offenbaren. Wir können darum ganz dankbar sei. Und dann die neue Wohnung - Liebste was könnten wir wirken und schaffen für das Glück unserer Familie. Aber nun tust Du es für mich mit. Und ich weiß, daß Du es alles tust als ob ich bei Dir wäre.

Nun will ich heute Abschied von Dir nehmen Liebste in frohem Gedenken an Dich

Dein August