August Broil an seine Frau Marga, 6. März 1944
Bargfeld, den 6/3.44.
Meine liebe Marga,
hier sitze ich bei offenem Fenster, und die frühlingswarme Nachmittagssonne scheint in die ehrwürdige Stube hinein, in der jetzt unsere Schreibstube Quartier hat. Ein Gutsdorf in Bargfeld ist jetzt unsere Unterkunft, unweit des Ortes Offensen, unseres ersten Aufenthaltes.
Liebste, wenn Du wüßtest wie mein Herz sich erfreut an dem Schönen, das es hier erlebt und das ich so frisch und gut wie ich es erlebe zu Dir hinbringen möchte. Draussen pfeift ein Vogel, und Grün dringt in den hellen Sonnenschein hinein. Die langen Triebe der Weiden leuchten rot und violett in der Sonne, und zahlreiche Birken lassen schon ihre Kätzchen im sanften Winde wippen. Ach es sind alles friedliche, freundliche Bilder, in die der feste Soldatentritt nicht hineinpaßt. Heute mittag zogen sie zwischen den lichten weißen Wolken am Blau des Himmels vorüber dicht wie die
Schwärme der Zugvögel, die den Frühling mitbringen, die grauen unheimlichen Vögel mit ihrem brummenden Getöse - Tod und Vernichtung in sich bergend. So dicht stehen tiefster Friede und härtester Krieg beieinander. Aber lassen wir ab, vom Krieg zu sprechen, den wir ohnehin immer spüren. Die Bilder des Friedens vermögen ihn zuweilen zu verlöschen. Wenn ich diesen Tag heute erlebe, dann muß ich an unseren Tag im vorigen Februar denken, an dem die Vorfrühlingssonne auch so hell schien wie heute. Doch damals warst Du bei mir, und heute bist Du fern von mir. Und doch bist Du mir heute näher als damals - trotz aller Ferne, weil ich weiß, daß Du in Deinem ganzen Sein mir wirklich nahe bist, wo ich auch immer sein mag.
Gestern in der Nacht, als wir über den grobgefrorenen Boden zu unserem Quartier gingen, leuchteten hell die vertrauten Sternbilder in ihrem guten Glanze. Nun ist der Boden wieder weich von der Sonne, und der Schnee liegt nur noch an den Schattenstellen.
Der hohe Kachelofen strahlt noch erfreuliche Wärme in die vom Winter kalte Stube, aber er wird bald Ruhe haben, wenn der Frühling wärmer wird. Die alten schönen Möbel und die goldverbrämten Klassiker im Büchergestell nehmen im hellen Sonnenlicht angenehme, warme Formen an.
Ach Liebste, ich möchte, daß Du bei mir wärest und ganz viel von dem zauberischen Erleben mitbekommen würdest, dessen wir hier teilhaftig werden können. Wenn auch nur für wenige Tage, möchte ich Dich den Schrecken der Stadt, die jetzt eben wieder über Dich und alle Bewohner kamen, enthoben wissen.
Dies hier ist ein kleines stilles Dorf von nicht ganz 200 Einwohnern, die uns sehr freundlich gesinnt sind, im Gegensatz zu unserem ersten Quartierdorf. Am gestrigen Sonntag sind wir zu zweien vom leutseligen Bürgermeister ganz fürstlich bewirtet worden. Ich wohne bei einer Familie mit drei Kindern, deren Vater im Felde ist, und ich bin dort gut aufgehoben. Im Sommer muß es landschaftlich
schön hier sein. Den sonst üblichen Dorfplatz nimmt ein großer Eichenhain ein, um den sich die Bauernhäuser gruppieren. Ganz leicht wellt sich das sonst ebene Land, durchsetzt von Streifen Kiefern, Tannen und Laubwald.
Heute habe ich versucht, Dich anzurufen. Erst gegen Abend kam mir infolge des langen Alarms die Nachricht, daß der Anschluß im Büro sich nicht melde. Nun mache ich mir Sorge, daß beim letzten Angriff wieder etwas in Unordnung geraten ist. Morgen will ich zu Hause einmal versuchen anzurufen. Ich hätte Dir gerne erzählt oder angedeutet, was sich hier ereignet.
Wenn wir keinen Urlaub bekommen, glaube ich, daß es sich ermöglichen läßt, daß Du einmal nach hier kommst. Ich möchte es Dir - und auch mir schon wünschen.
Ich habe viel an Dich gedacht heute, Liebste, der Tag war so glänzend schön.
Dein August
bei Fam. Koch, Bargdorf, Krs. Celle
Telef. Steinhorst, Krs. Celle Nr. 18