August Broil an seine Frau Marga, 11. März 1944

Bargfeld, den 11/3.44.

Meine liebe Marga,

mit heulendem Wind und jagendem Regen will der Winter heute Morgen wieder sein längst verlorenes Recht noch einmal behaupten. Doch in dem Wind spürt man schon die Wärme des Frühlings, und die jungen langen Frischtriebe winden sich geschmeidig, tropfentriefend in dem Jagen und Drängen des Windes. Abseits der Straße ist grundloser Boden, und das Schuhwerk ist nicht trocken und sauber zu halten. Doch hat auch dieses Waten durch den zähen Schlamm nichts abstoßendes an sich. Es ist etwas Selbstverständliches und manchmal, recht bedacht, etwas Beglückendes, über diese aufbrechende Erde zu waten, die so verhalten und kalt unter dem Frost und Schnee lag. Nun lebt sie, treibt sie, bringt ihre Säfte ans Licht, damit die Frucht in ihr wachse.

So kommen mir, Liebste, jetzt die Gedanken oft, wenn ich über das Land gehe und täglich neu das Schöne sehe, das sich in der

Natur begibt. Der Dienst hält mich zwar meist im Zimmer fest, aber ich brauche nur den Blick hinauszuwenden, dann sehe ich das Rankgewächs sich vor den Fenstern wiegen, und weiter hinten, wenige Schritt vom Hause entfernt, beginnt bereits der Wald, Fichten, Buchen, Eichen. Morgen ist Sonntag, dann werde ich Gelegenheit nehmen tiefer hinein in die aufbrechende Natur zu gehen. Denn so nur kann ich jetzt noch den Sonntag feiern. Oft denke ich daran, daß wir tief in die hl. Fastenzeit hineingehen. In der beginnenden Losgelöstheit dieses Lebens von allen gewohnten Ordnungen, ist eine geistige Durchdringung der hl. Zeit recht schwer. Wie gut waren doch all die Stunden, die uns in unserem Köln geschenkt wurden. Nun dagegen kommt es auf uns selbst an. Nun muß sich zeigen, ob all die schönen Werke vergangener Tage wirkliche Werke oder nur Scheinwerke waren, die äußerlich blenden, innerlich dagegen nichts bewirken.

Die veränderten Umstände verlangen selbstverständlich andere Werke als früher, und ich glaube, wenn man es in der Losgelöstheit und Freizügigkeit, die der Ordnung entgegenarbeitet, zu einer gewissen Ordnung für sich selbst und seinen Lebenskreis bringt, dann ist schon etwas geschehen. Nun denke nicht, liebe Marga, daß die Gedanken, die mir darüber gekommen sind, auch schon vollbrachte Werke sind. Vielmehr sind es leider nur allzu sehr Gedanken, die bis zum Werk noch etwas Mühe kosten werden.

Vor allem kann und muß man in den neuen Verhältnissen etwas lernen. Das ist: jede geistige Bestätigung nicht von zuviel äußeren Voraussetzungen abhängig zu machen. Es braucht nicht immer ein ruhiges Zimmer zu sein, in dem man frei und ungestört seinen Gedanken nachgehen kann - viele Stunden, wenn es nottut, sondern es mußt auch bei dem dauernden Zusammensein mit und unter Menschen etwas geistig Gutes und Ersprießliches herauskommen, allerdings von anderer Art als das der stillen einsamen

Stunden. Da kann man dann lernen, sich nicht abhängig zu machen von den Ereignissen des Augenblickes, sondern damit fertig zu werden nicht durch überhebliches Besserwissen, sondern durch mitfühlendes, mitleidendes und schließlich auch mitversuchtes Menschensein.

So werden auch die Briefe jetzt manchmal anders werden, die ich Dir schicken werde, Liebste, weil der stillen Stunden wenige werden, die aber dann besonders kostbar sind, wie auch diese Morgenstunde. Doch ich weiß, daß Du nicht nur in gedanklich durchgearbeiteten, lang und weit ausholenden Briefen mein Wesen zu erkennen vermagst, sondern genau so, vielleicht noch besser und aufschlußreicher in den Briefen des Tages und des Augenblickes.

Meine Marga, Liebste, ich denke an Dich und Dein Wirken für mich und für uns.

Dein August