August Broil an seine Frau Marga, 15. März 1944
O. U. 15.3.1944
Meine liebe Marga,
wie gut war es, daß Du am Samstagnachmittag mit mir gesprochen hast. Die Ungewißheit der vorangegangenen Tage war gebrochen. Aus der Ferne hörte ich Deine Stimme sprechen, ihren Klang, der die innere Erregung nicht verhehlen konnte. Es war ein glücklicher Tag, denn am Mittag hatte er mir Deinen Brief gebracht. Und dieser Brief hat mir viel von Dir erzählt, weißt Du, ich meine nicht das unmittelbar Ausgesprochene, sondern die Gedanken, die dahinter stehen. Wenn Du im Briefe etwas niederschreibst, dann ist es ja richtig in Gedanken eingebettet. Was das Herz Dich empfinden läßt, steigt wie anregender Duft auf und löst die Gedanken. So ist es besonders in dem Hin und Her der Erlebnisse zwischen Dir und mir. Sie wirken in Deinem Herzen - ich kann nicht sagen wie - sie graben sich ein, treiben Keime, wachsen und tragen Früchte - mit diesem Beispiel möchte ich es fast vergleichen. Es ist eine stetige, nie versiegende Fülle in Dir, es strömt nur so hervor, und oft genug halte ich erstaunt inne
als ob ich erst einmal verschnaufen müßte, um wieder recht folgen zu können. Wenn dann ein Brief von Dir kommt, Liebste, dann hat ein solcher Brief es zuerst recht schwer mit mir. Und jetzt bin ich mitten in Deinen ernsten Gedanken, die um dieses Problem kreisen. Umgekehrt habe ich solche Gedanken auch schon gehabt, jedoch nie befürchtet, daß die Tiefen, die aus mir heraus zu Dir gehen vor Dir warten müßten bis Du bereit wärest. Deine Bereitschaft habe ich eigentlich immer so selbstverständlich vorausgesetzt, und ich konnte Dir deshalb auch alle meine tiefen stets so bedenkenlos öffnen. Wenn ich dann zuweilen vergleichen wollte, wie wir ein jeder zu seinen Briefen käme, dann meinte ich feststellen zu müssen, daß ein Brief von mir erst dann alles geben konnte, wenn er zugleich ein Stück aus meinem Inneren nicht nur darstellte oder beschrieb, sondern hingab in Deine Hände. Die Hingabe Deines Innern im Briefe war - so empfand ich es - eine andere. Sie war eine mehr Selbstverständliche. Als die Schleusen sich geöffnet hatten, floßen die Wasser stetig, klar. Bei mir war es mehr ein reißender Fluß, der auf seinem Wege manche
Stromschnelle zu überwinden hatte, dann aber mit elementarer Gewalt herniederstürzte. Dein Brief, meine Marga, ist wieder so fein. Klar und froh sagt er Dein Empfinden, Dein Erleben, Deine Gedanken dazu vor mir aus. Und doch kann es zuweilen so sein, wie Du vermutest, daß ich zunächst nicht so dazustehen kann wie Du es Dir wünschen müßtest. Und es ist dann wohl auch so, daß ich eine bessere Stunde abwarten muß. Ob nicht überhaupt im gemeinsamen Leben die Stunden voll harmonischen Einklanges ganz kostbar und selten sind? Nimm diese Frage nicht falsch auf, meine Marga. Ich meine damit etwas so Hohes und unsagbar Eines von Harmonie, wie es wirklich nur eine Kostbarkeit in sich haben kann. Dazwischen aber stehen ungezählte Stunden der Mühe und der Arbeit, des Kampfes mit sich selbst, die in unzähligen Stufen sich gegenüberstehen. In diesen Stunden all sind wir ja nicht einsam, sondern geöffnet. Wir lassen einander Einblick tuen in das Innere und sehen uns an und erkennen uns. Das Erkennen befähigt uns, auf die wahre Harmonie
der Einheit hinzuwirken.
Liebste, so bin ich im Verlauf des Briefschreibens, ohne daß ich zunächst eine feste Absicht dazu hatte, dazu gekommen, mich in Deine Gedanken hineinzubegeben und meine damit zu verquicken. Ich wußte wohl, daß es in mir drängte, Dir etwas dazu zu sagen, auch kam das Wort nicht einfach hervor, sondern die Gedanken und Überlegungen mußten es so fügen.
Du Marga, wenn ich jetzt an die Sonntage in Bremen denke, dann weiß ich erst wie gut sie mir waren und was sie mir trotz aller Kargheit des Kasernenlebens bedeuteten. Lebte ich doch in der Ordnung, die mir die Feier des Sonntages ermöglichte. Ein Sonntag so beginnen ist eben ein Herrentag. Er raff zusammen und er reißt empor. Nun muß ich das entbehren und eine Möglichkeit zur eigenen Gestaltung ist noch nicht da. Vielleicht ist es dazu notwendig, auf manche Annehmlichkeit zu verzichten. Die Bevölkerung ist ja so gut zu uns, aber sie weiß nichts von dem rechten
Herrentag. Sie begeht ihn bürgerlich angenehm. Es ist gut, daß Du mich in Deine Feier des Sonntages einschließen kannst, wie es Dir immer am liebsten war.
Unsere Tage hier in dem Örtchen sind gezählt. Es soll bald weitergehen zum Truppenübungsplatz nach Bergen. Dann werden wir wieder in Kasernen liegen. Allmählich lernt man das Unseßhaftsein, und planen darf man garnichts. Man muß offen und bereit alles herankommen lassen und auf der Hut davor sein, abgestumpft zu werden, indem man sich sagt: Es ist alles gleichgültig was die Zukunft bringt. Wenn das Planen der äußeren Umstände nicht mehr möglich ist, dann muß man umso mehr an den inneren planen, denn sie erst machen unabhängig von dem Außen.
Meine Liebste, wie fein hast Du am Ende Seines Briefes gesagt, daß unser Kindlein mich sicher sehr lieb haben werde. Du, was steckt alles hinter diesen schlichten Worten: Deine ganze hingebende Liebe, ganz Du, Marga. Darum laßt uns froh sein und freudig. Ich denke an Dich