August Broil an seine Frau Marga, 30. März 1944

Bergen, den 30. März 1944

Meine liebe Marga,

wie war mein Herz doch noch voller Glück, und wie wird es jetzt voller Glück bleiben, wenn es in sich die Kräfte verspürt, die unsere herrlichen gemeinsamen Tage uns verströmen, als ich am Dienstagmorgen den Weg durch die Heide-Landschaft - ähnlich der Dünnwalder Kiefern- und Sandlandschaft, die wir am Sonntagmorgen noch sahen, - zum Kasernenlager nahm. Nach diesem Abschied, Liebste, der wohl schwer, aber kein trauriger, sondern ein starker, schöner Abschied war, war auch mein Herz ganz stark und froh. Am Mittag fand ich die erste Gelegenheit, Dir einen kurzen Gruß zu senden. Den Morgen hatte ich benutzt, um mich im Gelände etwas umzusehen, zu überprüfen, wo die Arbeit wieder beginnen müsse. Dann hieß es plötzlich, nach Bargfeld zu fahren zur Erledigung von dienstlichen Angelegenheiten. Wir fuhren mit dem

Lkw zuerst bis Celle und dann am Spätnachmittag nach Bargfeld. Es war eine große Freude unter der Bevölkerung, uns wiederzusehen, und wir wurden wieder gastlich aufgenommen, konnten das vielfach Angebotene beim besten Willen nicht bewältigen, wurden schließlich gezwungen noch einiges Leckere und Fettige mitzunehmen. Auch Post hatte ich in Bargfeld angesammelt, darunter drei Briefe von Dir und das seit Februar unterwegs befindliche Paketchen von zu Hause (Der größte Teil war noch gut erhalten und genießbar) Spät in der Nacht fuhren wir dann zum Lager zurück, als der Regen die helle Landschaft ganz dunkel gemacht hatte. So ging es gleich mit vollen Segeln wieder los. Deine Briefe aber mußten erst noch ungelesen liegen. Wenn auch vieles daraus durch die gemeinsam verlebten Tage ein längst bekanntes Bild war, so waren mir die Briefe doch ein Stück von Dir, mit Deiner Hand geschrieben, und von der Freude und vor allem der Sehnsucht war garnichts verhehlt. Du, das habe ich jetzt selbst mehr erlebt als je vorher, wie schön und groß und offen Deine Sehnsucht ist.

Sie soll und darf so sein, weil sie mir zeigt, wie stark sich alles in Dir mir zugewandt hat und wie Du immer mehr aus dem Mädchensein in Verhaltenheit und abgeschlossen in das Frausein hineinwächst, das der Ergänzung und des vollkommenen Einswerdens im Manne, dem Geliebten und Geschenkten bedarf.

Du Liebste, welche Tiefen Deiner Hingabebereitschaft habe ich erlebt in diesen Tagen. Nun sind alle Schranken gefallen, die im Grunde ja keine Schranken waren, sondern nur Stufen der Entwicklung zu letzter offener Gemeinsamkeit.

Wir haben die Tage in unserem Heim verlebt, das zwar nur ein vorübergehendes sein mag; aber wir durften doch sagen: unser Heim. Ich habe Deine Freude empfunden, die es Dir machte, Deinen Mann in unserem Heim zu haben, ihm gut sein zu können, für ihn sorgen zu können, ihn Dein Wirken darin spüren lassen zu können. Du, das hat mich alles so tröstlich und zuversichtlich gestimmt.

Wenn nur der Herrgott uns jetzt gut ist, Dir und uns das Heim zu belassen. Ich spüre so recht, wie sich darin Familie anbahnt. Es ist doch die Grundvoraussetzung zu dem wirklichen Aufbau eines

rechten Familienlebens, wie wir es ersehnen und erstreben. Wenn dann unser Kindlein da sein wird, wie wird es Einzug halten in unser Heim und sich freudig entwickeln in all dem, was wir ihm gemeinsam bereiten.

Meine liebe Marga, jetzt wo ich hier so viele Kiefern sehe, muß ich voll Traurigkeit an den Sonntagmorgen denken, als Du von der eindrucksvollen Gestalt der Kiefern sprachst und ich in meiner Brummigkeit garnicht darauf einging. Dabei liebe ich doch gerade die Kiefern so sehr und ich hätte Dir erzählen müssen wie ich in früheren, lange vergangenen Jahren, oft recht inbrünstig vor einem Kiefernwald hinter einer Heidefläche bei der sinkenden Sonne gestanden habe. Die breit auseinandergezogenen Wipfel der hohen Bäume drängten ihr seltsam Bild unverlierbar in mein Gemüt. Wenn der Sommer wieder glänzt, dann mußt Du sehen, ein solches Bild einmal nachzuerleben. Es macht so ruhig und weckt doch herbe Sehnsucht.

So läßt Dein böser Brummbär, wenn es ihn gepackt hat, die schönsten Gelegenheiten vorbeigehen, und nachher hat ers doppelt schwer, das Versäumte nachzuholen.

Nun habe ich doch mit Dir, Du meine Marga, ein ganz großes Glück für solche Situatiönchen. Und dafür muß ich recht dankbar sein. So ist der Tag, je höher die Sonne stieg doch noch groß und schön geworden.

Mit der Feststellung der Tatsache allein darf es allerdings auf die Dauer nicht getan sein. Schlechte Veranlagungen sind ja zum Glück auch zu etwas Gutem nutze. Und durch eifrige Übung unter Deiner Mithilfe wird mir vielleicht da doch mit der Zeit ein kleiner Erfolg beschieden sein.

Wenn ich daran denke, daß nächste Woche die hl. Karwoche ist und dann das hl. Osterfest, so macht mich dieser Gedanke zwar nicht traurig, aber doch entmutigt er ein wenig und zwar darum, weil ich auf all die guten Erlebnisse mit der Kirche verzichten muß. Aber ich will trotzdem versuchen, mich so gut es geht auch im Getriebe des Soldatenlebens in die Geheimnisse der hl. Zeit hineinzudenken. Es wird auch das nicht ohne Nutzen für uns beide sein.

Nun, zum Abschluß, Liebste, soll die späte

Abendstunde noch eine kurze Weile ganz herzlichen Gedenkens an Dich und all das, was jetzt um Dich sein wird, haben. Und damit denke ich ganz besonders an unsere gemeinsamen Abendstunden, deren wenige wir zu gestalten versuchten und deren spätere Gestaltung uns auch jetzt schon sehr am Herzen liegt.

Wir denken tief und fest aneinander, weil wir so eins sind und es noch immer mehr werden wollen.

Dein August.