August Broil an seine Frau Marga, 2. April 1944
Bergen, den 2. April 1944
Palmsonntag.
Meine liebe Marga,
als am Palmsonntag unseres Herrn die Volksmenge Ihm zujubelte, muß wohl auch der Himmel so gestrahlt haben wie heute. Schon in der Frühe, als ich im Waschraum am Fenster stand, um das rauhe Gesicht wieder glatt zu machen - Du weißt diese Tätigkeit am besten zu schätzen - hatte ich einige kleine Erlebnisse mit der Sonne und dem Land, das sie beschien. Da blickt man hinaus in die Kiefern und denkt an alles Schöne, was ihr Anblick uns erleben ließ. Ein großer weißer Vogel - es war sicher ein Schwan - schwang sich hell glänzend in den Sonnenglanz hinein.
Ich wußte wohl, daß der Tag ganz anders werden würde als unser gemeinsamer vergangener Sonntag. Ich wußte, daß es ein Soldatensonntag werden würde mit Arbeit und ohne die Beglückung religiösen Tuns. Aber ich war garnicht mutlos da-
rüber, weil der Tag so gut begonnen hatte. Und ich wußte auch, daß es doch nicht anders sein würde, also würde ich schon so gut es ging meinen Sonntag danach gestalten. Es braucht im Ganzen überhaupt keinen schlechten Tag zu geben, wenn man einigermaßen bescheiden und offen für die Gegebenheiten der Stunde in jeden Tag hineingeht. Das wird für uns beide einmal besonders wichtig sein, danach zu handeln, wenn wir alle Tage unseres Lebens zusammen sein dürfen. Dann werden nicht mehr nur Festtage sein wie jetzt, wenn ich wenige Stunden nur bei Dir sein kann, sondern dann wird Alltag sein ganz so wie jetzt für jeden von uns beiden in seiner Einsamkeit. Wir können an der Gestaltung dieses Alltages ein wirklich gutes Werk vollbringen, wenn wir es in dem Sinne versuchen wie ich es eben sagte. Schlimm ist es dabei zwar, das die menschliche Schwäche und die falsche Leidenschaftlichkeit
wegziehen will vom guten Willen und Vorsatz und dabei leider auch allzuviel Erfolg hat.
Soll uns das nun entmutigen? Nach dem Wenigen, was wir in dieser Hinsicht an Erfahrung sammeln konnten, zu urteilen, doch keineswegs. Sieh, der gute Wille, dessen vertrauter Freund Du zu sein scheinst, hat manch Schönes schon gewirkt. Je mehr ich Dich erfahre und um Deine Einstellung zu diesen Dingen weiß, um so zuversichtlicher werde ich auch darin. Und dies ist auch ein Grund mehr, weshalb ich dem Herrgott dankbar sein muß, daß Er uns beide zusammengeführt hat.
Du, meine Marga, wenn ich die Stufen unserer Gemeinsamkeit überdenke, angefangen mit dem Tage unserer Hochzeit - ich meine jetzt die tiefste, eheliche Gemeinsamkeit - über die einzelnen Abschnitte hinweg, die die Urlaube uns ermöglichten, dann können wir eine ganz wunderbare Steigerung sowohl der seelischen wie der körperlichen Einheit
verspüren. Bei Dir merke ich das ganz besonders gut, wie Du aus der anfänglichen Verhaltenheit in eine so unmittelbare Nähe zu mir gekommen bist, daß ich keine Worte finde, all das auszudrücken, was uns dadurch erfüllt wird. In unserer Brautzeit habe ich oft die ganze Verbindung mit Dir, Liebste, mir gar nicht denken können, und ich habe manchmal darüber nachgesonnen, wie das einmal werden würde, auch mit Dir darüber zu sprechen versucht. All das war aber nur ein bängliches Fragen nach dem Unnennbaren, dem wir so ganz verschieden gegenüberstanden. Von großem Glück dürfen wir sprechen, daß wir zwar bewußt, aber doch unbefangen, ganz der Entwicklung hingegeben, in unsere volle Gemeinsamkeit hineingeschritten sind. Und es macht mich überglücklich, wenn ich jedesmal neu erfahre, mit welcher Natürlichkeit Du immer weiter schreitest und stets Neues erlebst. Wissend war ich zwar und doch unwissend. Denn was ich wußte, war ja nicht dieses ganz natürlich Reine. Wie glücklich machte es mich, als ich
erfuhr, daß Du die Wellen des Erlebens ganz so erlebtest wie ich, das Aufklingen zu höchster Beglückung und das Beruhigende, fast möchte ich sagen Beseligende hingegebener Ruhe. So kann es nur sein, daß erst in der ganz erfüllten Gemeinsamkeit der Ehe, die bewußt dem heiligen Ziele ihres von Gott gegebenen Weges folgt, der volle Wohllaut der Schöpferordnung erklingt. Dann muß alles schön sein, und alles kann nichts als gut sein.
Meine Marga, ist es nicht seltsam, daß ich heute am Palmsonntag solche Gedanken in meinen Brief an Dich hineinlege. Nach dem Jubel dieses Tages begann doch die Woche des Leides für unseren Herrn. Doch hat das Leid, das Er litt, nicht die zerstörte göttliche Ordnung in der Welt wieder aufgerichtet. Wenn wir in unserer tiefsten Gemeinsamkeit uns bewußt dieser Ordnung unterwarfen, noch im Glück des großen Erlebens, dann wollen wir uns vor Augen halten, daß wir dankbaren
Herzens Seine erlittene Ordnung vollziehen wollen, sicherlich auch eines Tages im Leid, das uns zur Prüfung gesandt werden wird.
Du, meine Marga, mit jedem Tage wächst unter Deinem Herzen das neue Leben, das wir uns schenken durften in unserer Gemeinsamkeit. Froh können wir hineinblicken in die Schöpfertat des Herrn; denn er hat unser Tun als Tun in seinem Ordnungsplan gesegnet. Je weiter die Monate vorangehen und Deiner Stunde entgegenschreiten, umso mehr bin ich für all das Gute dankbar, das dadurch in meinem Innern gefestigter und Dir zugetaner wird. Da beginnt die Gemeinsamkeit zu wachsen und Frucht zu bringen.
Du Marga, ich bin Dir so sehr dankbar für alle Stunden des Glückes, aus denen unser gemeinsames Leben wächst, und darum denke ich so froh an Dich
Dein August