August Broil an seine Frau Marga, 20. April 1944
20. April 1944
Meine liebe Marga,
wenn ich heute diesen Brief an Dich schreibe, so möchte ich damit etwas ganz besonders Liebes für Dich tun zum Dank für Deine Briefe von Samstag, Sonntag und Montag, die ich heute schon bekommen habe. Wie haben mir Deine Briefe wohlgetan und wie fein kamen sie auch in der rechten Stimmung bei mir an. Der Frühlingstag, von dem Du schreibst, war wohl genau so hell wie der Frühlingstag heute. Die Sonne glänzte so wunderschön in allen jungen Blättertrieben, die Weidenkätzchen sind jetzt ganz dick und luftig geworden. Sogar eine dicke Hummel summte vertraut zwischen Gräsern am Wegesrand. Wären Deine frühlingsstrahlenden Briefe in einen trüben Regentag hineingekommen, dann hätten sie es viel schwerer gehabt.
Am meisten freut es mich, wenn Du von den ganz stillen Stunden schreibst, in denen Du
mit all den kleinen und feinen Dingen innige Zwiegespräche hälst, die Dich an mich erinnern. Wie Du mich noch ganz in Deiner Nähe spürst als ob ich neben Dir ginge oder bei Dir stände. Du Liebste, welch starke Fäden herzlicher Verbundenheit ziehen sich so vom liebenden Herzen zum liebenden Herzen und helfen über vieles hinweg, das wir während der Zeit der Trennung bestehen müssen. Das schönste aber ist, wenn Du mir davon schreibst, wie Dir das Wachsen des Kindleins unter dem Herzen täglich mehr Freude bereitet und mich Dir immer wieder ganz nahe bringt. Du birgst unser gemeinsames Glück in Deinem Leibe und es gibt ja nichts, was uns näher und inniger verbinden könnte als dieses unser Kindlein. Gott hat unsere schöne Liebe gesegnet, unser Glück Frucht tragen lassen und wir müssen Ihm dankbar dafür sein; denn Er schenkt uns so die volle Einheit von Mann und Frau in der Familie. Meinst Du nicht auch, meine Liebste, daß es für Deinen körperlichen und
geistigen Zustand ganz wichtig ist, daß wir unser persönliches Glück in diesem Lichte der Freude und Erwartung betrachten dürfen. So wird unserem Kindlein und Dir der rechte, fruchtbare Boden bereitet, auf dem Ihr beide Euch zu unserer künftigen Familie wohl entfalten könnt. Am Abend, bevor meine Augen müde zufallen muß ich im Gebete stets euer gedenken und den Herrn bitten, daß Er es gewähre, gut Sein Werk zu vollenden.
Welch ungeheure Gedankentiefe und seelische Belastungen das Leben unserer Tage von den Menschen verlangt, mit welchen Gegensätzen sie fertig werden müssen, die als unüberbrückbar bezeichnet werden müßten, wenn wir nicht glaubten, fest und unverrückbar, das hinter allem Geschehen der ordnende Geist Gottes wirkt. Da schreibst Du mir von Magda's und Hans' furchtbarem Tode, der sie so unerwartet schlug. Im ersten Augenblick solcher Nachricht sucht man nach dem Sinn des Lebens überhaupt, und wir denken wieder mit unserem
rechnenden Menschenverstand an Leistung und Gegenleistung, an Erfolg und Nützlichkeit. Doch der Glaube sieht gerade in solchem Geschehen Sein Wirken, das wir nie begreifen werden. Vor Gott hat eben jedes Ding und Geschehen Sinn und Wert, seinen ihm gemäßen Wert, der ihm von Gott abverlangt wird. Wir müßten es fertig bringen, uns ganz da hineinzudenken und -zuleben, aber nicht in fatalistischer Ergebung, sondern in freudiger, tätiger Hingabe. Dann würde es mit aller Menschen Schicksal gut werden. Wenn ich Hans' Tod betrachte, dann kommt mir unwillkürlich der Gedanken: Damals wurde er verschont in Rußland und bei seiner Verwundung, und nun wird er doch abberufen. Warum jetzt und nicht damals. War sein Werk noch nicht vollendet? Mußten noch Leid und Schmerz hinzukommen, um ihn zu vollenden und die Blume zur Ernte reif zu machen. Wir wissen wenig davon und erst recht nicht ob unsere Vermutungen da nicht reine Spekulationen sind. Aber wir können für uns vielleicht ein Doppeltes daraus lernen: Unsere Stunde wird einzig und allein dann sein,
wenn der Herr uns für berufen und reif hält und da sie nur dann sein wird, glauben wir auch an die Gnade des Herrn, daß er uns Zeit und Gelegenheit schenken wird zur Reife.
Ach Liebste wie hat mich die Schlüsselblume erfreut, die Du in Deinen Brief vom Montagmorgen eingelegt hast. Zunächst hatte ich sie garnicht entdeckt, weil sie am Schluß des Briefes angeheftet war. Umso größer war meine Freude beim Lesen des Briefes. Ganz hell leuchtete mir das Gelb und das zarte Grün entgegen. Sie ist sicher ein Gruß von dem feinen Stadtwaldspaziergang am Sonntag-Nachmittag. Liebste, es hat ja jede Jahreszeit in der Natur ihr Schönes, ihren Reiz. In der Natur gibt es eigentlich überhaupt nichts Abstoßendes, sondern eben nur etwas Natürliches. Das Anekelnde und Widerstrebende gibt es wohl nur beim Menschen in seiner Unnatur, die ihre eigenen selbstherrlichen Gesetze gehen will. Darum laßt uns versuchen recht natürlich in unserem Leben und Tun zu sein. Gewiß sind wir damit noch nicht gut oder böse, aber es fällt uns leichter, uns für das Gute zu entscheiden. Aber eigentlich wollte ich auf etwas Anderes
hinaus, als ich von der Schönheit der Jahreszeiten sprach. Ich meine unsere jetzige Jahreszeit hat für uns Beide etwas ganz besonders Anziehendes und Bedeutungsvolles an sich. Wenn ich sehe wie die grauen und tot scheinenden Sträucher vor meinem Fenster nun mit frischem Grün fast ganz überzogen sind, dann muß ich an das Wachsen und Werden ganz allgemein denken und im Besonderen bei uns. Alles bezieht sich so stark auf unser gemeinsames Erleben und auf das Geschenk des Wachsens bei Dir. Du betrachtest die Natur mit so dankbaren Augen und läßt es in Deinem Herzen ein schönes Bild formen. Liebste, Gute, ich freue mich darüber und über jedes kleine Erlebnis, das Du mir berichtest. Es tat mir so wohl als Du dies scheinbar Nebensächliche von der blauen Bluse erzähltest, die an unseren Sommersonntag erinnert. Alle Dinge, die uns auf unserem Wege begegnet sind, haben ihren geheimen wundervollen Sinn für uns und unsere Gemeinsamkeit. Du, ich weiß nicht wie ich Dir danken soll und was ich Dir Gutes tun soll, die Du mich so liebst. Habe ich schon einmal so etwas in einem Briefe an Dich