August Broil an seine Frau Marga, 23. April 1944

Am 23. April 1944

Meine liebe Marga,

als ich eben in meinen Papieren kramte, um eine Anschrift herauszusuchen, da fand ich in meiner Brieftasche unsere Fotos vom vergangenen Jahre. Und die Gelegenheit habe ich benutzt und mich in diese Bilder vertieft. Die meisten davon zeigen mir Dein Antlitz oder Deine Gestalt. Welch wunderbare Gedanken und Erinnerungen knüpfen sich an diese kurze Betrachtung. Da sind die Bilder aus Leverkusen, weißt Du, die wir zu unserem herrlichen Sommersonntag auf dem Balkon machten. In Deinen Augen ist sehr viel Glück zu sehen, denn dieser Tag war für uns beide ein großes Glück nach all dem was Dir widerfahren war. Es war hoher Sommer, und den ganzen Tag fast hatten wir auf der Wiese hinter dem Buchenwald uns hingelagert. Die anderen Bilder stammen aus der glück-

lichen Wittlicher Erntezeit, als der Sommer schon von uns schied. Die Sonne war noch recht warm und der Wind ging schon ganz frisch und lustig. Heute nun habe ich einen kleinen Gang durch die Heide gemacht, die nun beginnt, sich zu beleben. Die zahlreichen Birken schimmern in zartestem Grün; die lange verhaltenen Kätzchen haben sich der Sonne geöffnet und blühen in frischem Gelb. Seltsam stehen die Wacholdersträucher wie schlanke Wächter. Der schöne Frühling mit all seinen Hoffnungen wird wieder den Sommer bringen, auch für uns beide, meine Liebste. Doch wie ganz anders stehen wir beide dann in diesem neuen Sommer. Wie maßlos tief haben wir uns voreinander aufgetan und dürfen nun gemeinsam durch diesen Sommer gehen, wenn auch fern voneinander, die Frucht reifen zu sehen, die uns geschenkt worden ist. Aus dem Frühling unserer Liebe wird nun im neuen Sommer unsere Familie zu wachsen beginnen.

Du meine Marga, wie froh dürfen wir sein,

daß alles sich so entwickelt hat, mit welcher Freude dürfen wir zurückblicken auf das Wachsen der Liebe zwischen uns.

Jedesmal, wenn ich Dich wieder in voller Gemeinsamkeit erfahren durfte, dann war ich ein ums andere mal erstaunter und beglückter mit welcher Tiefe Du zu mir kamst und mit welch freudiger Selbstverständlichkeit Du Dich immer weiter öffnetest, wie Du der Entwicklung Deiner Sehnsucht Raum gabest und nicht müde wurdest, Deine unerschöpflichen Quellen mir entgegen sprudeln zu lassen. Manchmal, wenn ich sinnend darüber nachdenke, kommt mir das alles wie ein Wunder vor, dessen inneren Zusammenhang ich mit meinem Menschenverstand nicht begreifen kann und nur staunend und schweigend hinnehmen kann. Und es ist ja auch tatsächlich ein Wunder, wie ein Mensch solcher Liebeskraft fähig ist. Es wäre verfehlt, wenn wir versuchen wollten hier etwas zu annalysieren. Es ist ganz einfach die Gewalt, die uns erfaßt und uns keine

Wahl läßt.

Liebste, wir müssen mit tiefem und ernstem Bewußtsein in diesen Dingen leben, weil aus ihnen ja das Größere wachsen soll, das uns durch diese Liebe als Aufgabe gestellt ist: unsere Gemeinschaft und unsere Familie. Ich fand dieser Tage in der Kölnischen Zeitung einen guten Aufsatz „Am Familientisch”.

Hierin wird sich sehr vernünftig über eine Anzahl von Problemen auseinandergesetzt, die durch die Kriegsverhältnisse der Familie gestellt sind. Viele dieser Probleme haben wir bereits in unseren Gesprächen und Briefen erörtert und waren uns der zahlreichen Schwierigkeiten bewußt. Entscheidend ist in allem der Geist, der die Familie trägt, denn er bildet das Fundament für den Bau des Hauses, das so vielen Stürmen standhalten muß. Den Geist in unserer Familie und in den vielen Familien gleicher Art haben wir nicht allein geprägt. Er ist trotz aller Schwierigkeiten und Wirren der Zeit sowohl aus den eigenen elterlichen Familien wie aus den Kreisen

der Freunde entstanden, in denen wir schon seit langer Zeit daraufhin gearbeitet haben. Wir wollen also nicht die Schwierigkeiten und Probleme an den Anfang stellen, sondern den rechten Geist gepaart mit der Liebe, die uns so wunderbar widerfuhr und wollen dann an die Lösung herangehen und unsere Kraft daransetzen. Wir haben von unseren Eltern leuchtende Beispiele wie sie trotz äußerer Schwierigkeiten und persönlicher Hemmungen schließlich doch Herr der Dinge wurden. Und es war ein großes Gottvertrauen in ihnen, die Hauptkraft des rechten Familiengeistes.

Meine liebe Marga, jetzt ist wieder die Ungewißheit, nachdem Köln wiederum schwer angegriffen wurde. Nachrichten sind noch nicht durchgedrungen, aber ich habe die Hoffnung, daß alles gutgegangen hat. In diesem Krieg der Unbarmherzigkeit ist kein Menschenleben sicher und sei es auf dem entferntesten Dorf oder im hohen Gebirge. Immer wieder hört man von Überfällen tieffliegender Flugzeuge auf Ortschaften und Verkehrsmittel,

denen Menschenleben zum Opfer fallen. Und das Schicksal erreicht uns immer, wie wir uns auch schützen mögen, das sehen wir an Hans und Magda. Wir müssen Vertrauen haben, daß es gut sein wird hier und in allen Dingen.

Nun, meine Liebste, lasse ich den Sonntagsbrief zu Ende gehen. Es war zwar kein Sonntag, wie wir ihn zu feiern gewohnt sind, aber ich habe doch recht viel Gutes gehabt an diesem Tag des Herrn: die Bäume im Grün, die Heide im Erwachen, das Denken an Dich und die schönen Erinnerungen im Brief und schließlich der Brief selbst. So sage ich Dir für diesen Tag herzlich Abschied und ich freue mich, wenn Du weißt daß ich froh war.

Du liebe Marga!

Dein August