August Broil an seine Frau Marga, 26. April 1944
26. April 1944
Meine liebe Marga,
wir beide warten stets mit Spannung auf unsere Briefe, weil es uns Briefe sind im tiefsten und schönsten Sinne. Wir beide stehen immer dahinter und wir wissen, daß jeder Brief uns etwas Besonderes zu sagen und zu offenbaren hat, manchmal sogar Entscheidendes. Und nicht allein der Inhalt des Briefes ist es, der uns in seinen Bann zieht, sondern auch der Brief als solcher. Wenn die Post abgeholt wird und ich entdecke die Farbe Deiner Umschläge und die Züge Deiner Schrift, dann schlägt das Herz immer ein wenig und oft sogar viel schneller als sonst. Zuweilen kommt dazu die Ungewißheit des Schicksals, die uns durch den Brief genommen werden kann. Was bedeutet eine einfache grün umrandete Karte mit wenigen knappen Worten. Ach Du Liebste, alles kann darin stehen und kann das unruhige und geängstigte Herz wieder still machen. Was viele lange Briefe nicht vermögen, das können solche Worte.
Du hast es ganz richtig geschrieben in Deinem Briefe, daß wir dankbar sein müssen, wenn
der Herr uns noch eine Strecke Weges schenkt. Wir nehmen das Leben als etwas so selbstverständliches hin auch jetzt noch oft, wo wir um uns die deutlichen Zeichen sehen, daß alles Werden, Sein und Vergehen in Seiner Hand allein liegt, daß die Schicksale sich erfüllen. Wir meinen, es müßte immer so weiter gehen wie es jetzt gerade ist, und wollen nicht wahr haben, daß auch wir alle einbegriffen sind in das schicksalhafte Geschehen. Sind wir stets bereit? so können wir die bange Frage stellen. Wenn wir dann ganz ehrlich und klar mit uns zu Rate gehen, dann möchten wir in Bangen und Angst verfallen. Meinst Du, Liebste, daß dies die richtige Haltung wäre und daß dabei etwas fruchtbares für uns zustande käme. Ich glaube, daß wir vor lauter Angst und Minderwertigkeitsgefühl nie zu einem gesunden und guten Wirken kämen.
Von uns Menschen aus gesehen möchten wir sagen, daß die Lichter des Lebens, die so hell brennen und dann verlöschen müssen, ganz willkürlich weggenommen werden. Unser Glaube aber sagt uns, daß es garnicht so ist und auch nicht so
sein kann, sondern daß da der göttliche, uns unbegreifliche Plan wirkt. Und wir glauben auch, daß der Herr uns allen die Gnade gibt, seinen Plan so zu erfüllen wie Er es will. Und wir glauben weiter, daß all die lieben und guten Freunde auf ihre Art und nach Seinem Willen seinen Plan erfüllt haben. All ihr Mühen, ihr Fallen und sich erheben wird nicht umsonst gewesen sein. Wir auch sind einbegriffen, wir auch suchen Seinen Weg. Wir auch wollen nicht müde werden trotz aller Unsicherheit auf dem Wege zu Ihm. Und wenn die Gefahr uns übermannen sollte, dann wollen wir uns stets zu dem einen bereit halten, daß wir sagen können: Herr, in tiefer Demut legen wir all unser Leben, unser Starksein und Schwachwerden, unser Hoch und Tief in Deine Hände. Nimm uns so wie wir sind, und keine Strecke unseres Lebens, sei sie auch noch so fern von Dir verlaufen, wollen wir verdecken und nicht wahr haben. Deine Herrlichkeit kann leuchten auch in die dunkelste Herzkammer. Laß uns Deine Herrlichkeit und Größe stets erkennen.
Meine Liebste, es wird jetzt mit jedem Tag mehr Frühling. Ich kann sein Kommen und Wachsen ganz genau verfolgen in den Sträuchern vor dem Fenster, die jetzt schon ganz grün sind und vielfach bunt blühen. Vor allem aber zeigen die jungen Birken drüben im Wald ihn jetzt ganz hell und leuchtend. Als wir hier ankamen, stand der Wald noch in dunklen, matten Tönen, an dem Eichen- und Buchenstrauchwerk hing noch das vergilbte Blattwerk des Herbstes. Dann leuchteten ein paar Kätzchen in der Sonne, deren Wärme sie bald zum blühen brachte und dann sproßte so unsagbar zart das Grün der Birken hervor, man konnte es anfangs kaum wahrnehmen. Aber jetzt nach ein paar warmen Tagen und nach dem Regen, jetzt hat das Grün die Oberhand, strahlend, beglückend, triumphierend. Ach Du, das war so etwas Schönes, und ich bin oft nur deshalb auf die andere Seite des Blocks gegangen, um mich daran zu erfreuen. Ich empfand manchmal richtiges Glück des Friedens bei dem schönen Anblick. Und Dir, Liebste, wird es ganz ähnlich gehen. Sieh, wenn wir das noch sehen können und miterleben dürfen, dann vergessen wir auch den Frieden nicht, der kommen wird. Das ist mir wie ein Unterpfand dafür. Du Liebste, laßt uns den Glauben daran fest und hochhalten
Dein August