August Broil an seine Frau Marga, 8. Mai 1944
Am 8. Mai 1944
Meine liebe Marga,
Nun sind wir mit all unserer Habe aus der Heide abgereist und haben uns auf die erste große Reise begeben. Doch ist es keine ganz große Reise geworden wie wir vermutet hatten. Unsere Fahrt ging nach Westen. Durch den wunderschönen Frühling ging sie, der mir mein Herz so froh und frisch gemacht hat. Holland haben wir gesehen und Belgien, und nun sind wir in Nordfrankreich, in einem Landstrich, der in seiner Schönheit ganz meinem Empfinden von Beruhigung und Ausgeglichenheit entspricht. Ich werde so stark an unser Bergisches Land erinnert, und wenn die Fachwerkhäuser hier auch gebaut würden, dann könnte man meinen dort zu sein. Es macht mich ganz glücklich fern im fremden Land zu sein und doch die starke Erinnerung an das heimatliche Land zu haben. Es müßte jetzt eine stille, ruhige Zeit sein, und man müßte ganz einfach hier herumstreifen können.
Wenn man jedoch tiefer hinblickt, dann tut es seinem Weh um dieses Land, das ganz in der Ungewißheit dessen liegt was kommen wird. Man kann es nicht begreifen, daß über solche Herrlichkeit wie aus Gottes eigenem Garten vielleicht eines Tages sich die Kriegsmaschine wälzt und gnadenlos alle Schönheit vernichtet. Es ist bitter und schmerzlich, daß unsere geschaffenen Werke in den Städten und Dörfern zerstört werden, aber mir kommt eine Verwüstung dieser Herrlichkeit der Natur noch viel schlimmer vor.
Dieser Brief soll nur eine erste kurze Nachricht von mir sein, wenn ich wieder etwas mehr Ruhe und Muße habe, dann muß ich Dir mehr erzählen von der schönen Fahrt hierhin, von den Landschaften unterwegs und hier und von all dem was ich erlebte und erlebe.
Heute wurde mir ein erster Brief von Dir gebracht. Er bringt mir die traurige Nachricht
von Tonis Tod. Welches furchtbare Schicksal den schwachen Menschenschultern aufgebürdet wird! Die arme kleine Anneliese!
Ernste und bittere Gedanken können wir an dieses Ereignis knüpfen und doch auch wieder tröstliche. Ich muß an die Gespräche denken, die ich Anfang Januar mit Toni hatte. Ein ganz offener klarer und sauberer Mensch sprach aus allen seinen Äußerungen und aus seinem ganzen Wesen. Nun steht dieser Mensch vor Gott, der ihn zu sich rief. Wie war er, daß ihm noch vor seiner Abberufung das volle Maß des Glückes menschlicher Gemeinsamkeit dargeboten wurde. Mit dankbarem und aufgetanemHerzen wird er alles in sich aufgenommen haben; denn Bereitschaft zu allem Schönen und Schweren sprach aus seinen Augen. Es ist mir dies ein wunderschönes Beispiel dafür, wie positiv man die Wege Gottes suchen und gehen muß, auch die schönen und freudebringenden Wege, sie können
immer der Auftakt sein oder das Vorspiel zu den schweren Wegen, oder der Ausgleich für die leidgeprüfte und bedrängte Seele. Laßt uns also mit dankbarem Herzen und drängenden Händen in allem das Wirken des Herrn suchen und sehen. Unser Trost wird ohne Grenzen sein.
Ich grüße Dich herzlich aus diesem schönen Lande, Liebste und bin ganz
Dein August.
Dieses Blatt stammt von den großen Magnolienblüten neben unserem Fenster.