August Broil an seine Frau Marga, 10. Mai 1944
10.5.1944
Meine liebe Marga,
Du müßtest mit mir zusammen diese goldleuchtenden Tage hier in der Ferne verleben dürfen; wir müßten gemeinsam in diesem vom Frühling reich beschenkten Lande umherschweifen dürfen. Du welches Glück des gemeinsamen Schauens und Erlebens könnten wir hier haben. Gestern am Spätnachmittag ging ich mit dem Spies zusammen zu unserer Waldstellung. Wir mußten dauernd über [..], Hecken und Drahtzäune hinwegklettern, die die saftigen frischgrünen Wiesen einzäunen. Prachtüberladen von weißen, zartroten und bläulichen Blüten sind die zahlreichen Obstbäume. Rechts und links ziehen Waldstücke entlang, auf deren weichen Teppichboden alte Bekannte aus den heimischen Wäldern zu finden sind: Veilchen und Anemonen. Gleich an den Wald grenzt wieder ein frisches grünes Saatfeld, dessen Erde noch braun und feucht durchleuchtet. Dazu glänzt allenthalben eine wunderbare helle Frühlingssonne. Ich hätte mich hinlegen mögen in diese Herrlichkeit und dann träumen können von all dem Schönen, daß uns Gottes herrliche Natur schenken kann. Wie viele gute Stunden haben wir beide schon in der Natur gehabt, und immer wieder stellt man ihr befreiendes, lockendes Wirken auf das Innere fest.
Wir sind hier in einer dörflichen Gemeinde untergebracht, eine Art Straßendorf. Es ist ein krasser Unterschied an der Ausstattung der Häuser festzustellen. Arme, kleine, etwas verwahrloste Häuser stehen neben großen, villenähnlichen. Es waren dies wohl die Häuser, in die sich die frühen französischen Pensionäre zurückzogen. Viele davon stehen leer, weil der Boden hier zu heiß wird. Wir wohnen auch in einem solchen Haus, dessen Inneneinrichtung allerdings, soweit überhaupt noch vorhanden, recht dürftig und verfallen ist. Unsere Schreibstube ist ein großer Raum mit zwei hohen Fenstern, die auf einen parkähnlichen, mit hohen Bäumen bepflanzten Garten gehen. Eine Blutbuche steht dunkel leuchtend hinter dem Magnolienbaum mit den großen Blüten. Eine Kastanie schickt sich eben an, ihre Kerzen erglänzen zu lassen. Ueber die weitere Umgebung schrieb ich Dir schon und welch glückliches Erlebnis ich auf der Fahrt durch diese Landschaft hatte. Mit der Bevölkerung hier bin ich noch kaum zusammengekommen. Man hat den Eindruck, daß die Menschen hier in fortwährender Angst und Ungewißheit vor den kommenden Dingen stehen, die sich durch die vielen militärischen Ereignisse zu Lande und in der Luft ankündigen.
Von der Fahrt hierher muß ich Dir noch einiges erzählen. Sie dauerte nicht allzu lange (2 Tage) Wenn man offenen Auges durch die vielerlei Landschaften fuhr, so bekam man einen sehr schönen Überblick über ihre Vielgestaltigkeit. Zuerst ging es ja durch Nordwestdeutschland, fast immer durch ein breit hingelagertes grünes Tal von leichten, sanften Hügeln eingesäumt.
Alles waren wir von Holland überrascht. So fein und und sauber waren alle Häuser gebaut mit großen lichten Fenster, nach unserem Empfinden viel zu groß für die verhältnismäßig kleinen Häuser. Alles wunderschön in die weite grüne Landschaft eingebettet. Trotz der Weite der Ebene war diese Landschaft keineswegs weitläufig oder schwermütig, vielmehr in dem bunten Wechsel der Gärten und Kulturen fast anmutig. Wohl hat die Menschenhand am Wachsen dieses Landschaftsbildes großen Anteil und doch hatte man nirgends den Eindruck, daß die Natur vergewaltigt sei. Besonders wohl tat mir das fast vollständige Fehlen jeglicher Industrie.
Ganz anders war es darin beim Durchfahren eines großen Teils von Belgien. Hier sieht es vielfach so aus wie im Ruhrgebiet, auch die Zerstörungen
sind oft nicht minder stark. Im Industrie-Gelände hat man immer das unangenehme Gefühl, daß der Landschaft die Seele geraubt wurde. So öde und gezwungen, fast erpreßt wirkt alles in diesen Landstrichen. Doch gibt es in Belgien auch Strecken wunderschöner Weite und natürlicher Ausgeglichenheit.
Seltsam war die Kreidelandschaft Nordfrankreichs; überall sucht sich das weiße Gestein an die Oberfläche zu drängen. Die Bombentrichter waren wie Emaille-Trichter hell. Die Landschaft hat es mit diesem Boden nicht leicht und war karg und dürftig. Weiter westwärts wurde das Land fruchtbarer und reicher gestaltet. Ich war ganz überrascht von seiner Schönheit und mancher Kamerad konnte mit mir den Blick nicht mehr von dem wechselvollen Bild wegwenden. Ich wünschte mir, in dieser Landschaft bleiben zu dürfen, wenn wir schon in der Fremde sein mußten. Und mein Wunsch ging fast voll in Erfüllung; das hat mich recht glücklich gemacht.
Liebste, ich will diesen Erzählbrief nun beenden, und ich hoffe, daß er Dir bald etwas erzählen kann von dem was mich umgibt. Ich weiß was Du jetzt brauchst. Liebste, wir denken aneinander und sind ganz froh
Dein August