August Broil an seine Frau Marga, 12. Mai 1944
Am 12. Mai 1944
Meine liebe Marga,
nun will ich einmal versuchen, auf diesem Papier in anderem Format zu schreiben; es ist in Frankreich erstanden und garnicht schlecht, wie Du Dich selbst überzeugen wirst. Hier in der ländlichen Gegend ist es überhaupt so, daß ganz im Gegensatz zu Deutschland doch noch das eine oder andere zu kaufen ist, was man bei uns nur unter größten Schwierigkeiten, wenn überhaupt bekommt. So haben wir uns gleich zu Anfang kleine Bratpfannen gekauft, in denen jetzt abends - soweit Fett vorhanden, die Bratkartoffel schmoren. Die Verpflegung ist gut, wenn auch einfach zu nennen. Unsere Feldküche gibt sich Mühe und versucht durch Zukauf aus eigenen Mitteln wie Milch und Gemüse Abwechslung in das Eintopf-Einerlei zu bringen. Auch kann man im Gasthaus zuweilen ohne Marken noch ganz ausgezeichnet essen. So waren wir gestern in einem anderen Dorf über Mittag und bekamen dort folgendes Mittagsmahl: Vorspeise aus einer guten fettigen Sülze, Kartoffelbrei mit sehr reichlich Kalbfleisch und als Nachtisch Gebäck; war schmackhaft und reichlich. Die Preise dafür wie überhaupt für alle Gegenstände des täglichen Bedarfs und für den Lebensunterhalt sind recht hoch. Für ein solch fürstliches Mahl zahlt man bei verhältnismäßig niedrigen Preisen in der hiesigen Gegend 60-80 frs; entspricht 3-4.- RM. Um die Geldmittel, die unter diesen Umständen recht kurzatmig sind, zu erweitern, hat man den Soldaten zugestanden, sich aus der Heimat einen Betrag in Höhe des monatlichen Wehrsoldes zuschicken zu lassen. Schicke
mir auch bitte erstmalig für Mai den Betrag von RM 43.-
Meine liebe Marga, eins fehlt an diesen schönen Frühlingstagen, die eine ungeahnte Pracht, wie ich sie bisher selten erlebt habe, entfalten. Was mag das wohl sein, Liebste? Es ist nicht schwer zu erraten; denn es ist doch das gemeinsame Erleben, das Schauen, das Gestalten in Frische und Freude mit Dir. Du müßtest dabei sein, Dein allen Eindrücken stets weit offenes Herz müßte miterleben können, müßte ganz viel von der Pracht, der Schönheit und den Blüten in sich hineinnehmen können. Heute war die Sonne schon so warm, daß man meinte im Sommer zu sein, und wir haben alle unsere leichten Drillichjacken angezogen. Manchmal, wenn die in fast ununterbrochener Folge vorüberkreuzenden feindlichen Flieger zu hören sind, möchte mach meinen, daß all diese Pracht nur ein Schein ist, nur ein letztes Schönwerden und Aufblühen vor dem Vergehen. Die Freude an all der Schönheit ist darum immer mit einem Tropfen Traurigkeit gewürzt. Zuweilen widerstrebt es mir, mich, wie ich das früher konnte, ganz dem schönen hinzugeben. Es kommt mir dann wie vermessen vor, vorbehaltlos darin zu schwelgen. Oder ist es vielleicht so, daß man immer mehr erkennt, so wie das Erfahren fortschreitet, daß nichts auf dieser Welt vollkommen sein kann, sondern daß immer das letzte, sei es das Erlösende, das absolut Befreiende oder das ganz Schöne fehlt. Es bleibt immer beim Streben, beim Ausschau-Halten, beim Warten und Hoffen.
Marga, meine Liebste, es wird noch eine Weile dauern, bis ich wieder eine Nachricht von Dir bekomme, die mir berichtet, ob Du
Dich wohlbefindest, ob alles gut voranschreitet, was uns beide jetzt so ganz besonders aneinander denken läßt, Du und unser Kindlein. Denke, daß die Hälfte der Zeit, die es unter Deinem Herzen ruht jetzt schon erfüllt ist. Bald wirst Du spüren, wie sich das junge Menschenleben in Dir regen wird und damit zum ersten mal kundtut, daß es ein ganz eigenes Leben sein will. Ich stelle mir vor, wie Du mit gespannter Aufmerksamkeit jeder Bewegung und Regung nachspüren wirst und wie Du dann jedesmal ganz besonders an mich denken wirst. Du, und wenn ich dann bei Dir sein könnte und mit Dir lauschen dürfte und vielleicht sogar die ersten eigenen Herzschläge unseres jungen Menschenkindes hören dürfte. Ach Liebste, es macht auch Freude in Gedanken all das Schöne mitzuerleben und in Gedanken Euch beide bei mir zu wissen; wieviel ungesehene Fäden von Gedanken laufen gerade jetzt herüber zu mir, wo Du fast in jedem Augenblick an mich erinnert wirst und an all unsere schöne Gemeinsamkeit.
Meine liebe Marga, ich hörte jüngst, daß auch Leverkusen angegriffen sei; hoffentlich hat alles gut gegangen. So ist ja ein stetes Bangen und Sorgen um alle Lieben, wo sie auch sein mögen. Und doch wollen wir nicht allzu besorgt sein, lieber wollen wir es zuversichtlich besorgt nennen. Ich las heute in Eichendorffs Leben eines Taugenichts die wunderbare Strophe aus dem Liede „Wem Gott will rechte Gunst erweisen”. Da heißt es für damals so wie für unsere Zeit so treffend:
„Den lieben Gott laß ich nur walten,
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd' und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!”
So, meine liebe Frau, werden wir wohl alle Zeiten glücklich und gemeinsam überstehen und viel Freude füreinander haben. Ich bleibe in festem Gedenken an Dich und unser Kindlein
Dein August