August Broil an seine Frau Marga, 19. Mai 1944

19. Mai 1944

Meine liebe Marga,

drei ganz wunderbare, liebe Briefe sind mir jetzt hierhingeschickt worden. Liebste, ich kann Dir kaum sagen, welch große Freude Du mit diesen Briefen bereitet hast. Bis an den Rand sind sie alle gefüllt von den Gedanken und Erzählungen, die mir Dein Inneres kundgeben. Und was sie alles sagen von Deinem Innern, von all dem großen Erleben, das in Dir vor sich geht!

Zuerst kam Dein Brief aus Dernbach bei mir an, einen Tag schon, nachdem ich Dir geschrieben hatte, daß die Post sich noch verzögern würde. Wenn ich auch den Ort und das Haus nicht kenne, wo Du an den beiden Tagen weiltest, so kann ich mich Dich ganz gut vorstellen, wie Du all das Schwere und Drückende aus dem Erleben der letzten Zeit hinter Dir gelassen hast, um Dein geplagtes Herz von Grund auf zu erfrischen in der Schönheit der Landschaft, an der Freundlichkeit der Menschen und an der Ruhe und dem Frieden des ländlichen Lebens. Und so wie Du gelitten hast in Deiner Tiefe unter dem Zwang des schrecklichen Geschehens, mit der gleichen Tiefe nimmst Du nun alles Glück und Beglückende des Schauens und Staunens in Dich hinein. So muß es aber auch sein; denn sonst müßte das geprüfte Herz sich immer trauriger machen, und es würde sich leicht verbittern. Wie der frische Quell am heißen ermüdenden Sommertag, so wirkt sich dieses tiefe Erleben bei Dir aus, das Dir diese Tage schenken.

Liebste, es macht mich ganz besonders froh - und ich habe Dir das in meinen letzten Briefen, die wieder auf Deine Briefe Antwort gaben, gesagt - daß es Dir ein inneres Bedürfnis ist, mit allen Dingen, die Dein Inneres bewegen, zu mir kommst. Ich habe daran gedacht, daß es doch so sein muß in einem Leben wirklicher Gemeinsamkeit, und daß es nie allein das Glückliche sein kann, was die Menschen zutiefst aneinander bindet, sondern der gemeinsam erlittene Schmerz, das gemeinsam ertragene Leid holen alles aus der Tiefe hervor. So war es doch auch im Anfang mit mir und so kann es immer wieder werden: Welche mein Inneres belastenden Qualen und Schmerzen mußte ich Dir anvertrauen, und wie war es doch, daß sich erst durch Deine ganze Anteilnahme die rechte Gemeinsamkeit entwickeln konnte. So wie es von mir zu Dir hinüberging, so muß es auch von Dir zu mir gehen und so vertieft sich die Gemeinsamkeit

mehr und mehr.

Meine liebe Frau, die Gedanken um unser Kindlein sind es, die uns beide mit bemerkenswerter Parallelität bewegen. In einem der letzten Briefe sprach ich davon, daß die Zeit der Erwartung schon zur Hälfte vergangen sei und daß ich jetzt, wenn ich bei Dir sein könnte, wieder mein Ohr an Deinen Leib legen würde um nach dem Leben zu horchen, das unter Deinem Herzen wächst. Dann hätte ich noch größere Beglückung empfunden als so, wo Du mir schreibst, daß es nun wirklich so ist. Du, ich kann mich schwerlich ganz in Dein Glück vertiefen, das wie ein heiliger Schauer über Dich kommt, wenn Du die Anzeichen des werdenden Lebens in Dir spürst, ich kann es nur ahnen, und Du hast es mir mit den schönen Worten zu deuten versucht: Ein ähnliches Glück wäre nur noch das volle Vereintsein mit mir gewesen. Ist es möglich, daß angesichts solcher Herrlichkeit des Empfindens und Erlebens Menschen über diese heilig zu nennenden Dinge so schlecht sprechen können als handle es sich um ein mißlungenes Geschäft.

Leider ist es so, daß viele Menschen tatsächlich so denken und daß sie rechnen und überlegen udn ganz enttäuscht sind, wenn ihre Rechnung nicht aufgeht. Marga wie bin ich Dir dankbar und wie können wir beide Gott dankbar sein, daß er uns davor bewahrt hat, so zu denken und zu handeln. Laßt uns die Hoffnung und Zuversicht stets bewahren, daß es uns immer vergönnt ist, unsere Haltung und Gesinnung zu bewahren. Gerade hierin habe ich in meinem Leben schon schlechte Erfahrungen gemacht und große Enttäuschung erlebt. Wie fein Du das ausdrückst, was wir beide in unserer Liebe uns schenken durften und deren Frucht uns jetzt reift: „Kann der Mann seiner Frau, der er in Liebe zugetan ist, ein schöneres und kostbareres Geschenk zum Dank für das Glück der gemeinsam erlebten Urlaubstage in der Heimat zurücklassen, als daß er ihr ein Stück seines Lebens, als Teil seines Wesens und Seins anvertraut, auf daß sie die Zeit des Wartens auf seine Wiederkehr mit fruchtbarem Tun für das Wachsen eines neuen Menschenkindes erfüllt?” Schöner und beglückender hättest Du es garnicht ausdrücken können.

Du schreibst vom Abstand gewinnen von den Dingen, ein Thema, das uns beiden garnicht neu ist und doch immer neu erfahren und bestanden sein will. Obwohl wir zur Genüge erfahren haben, daß im Grunde die Dinge keine ausschlaggebende Rolle in der Führung des Lebens spielen, melden sie doch ihre scheinbaren Ansprüche an die Freiheit des Menschen

ständig neu an. Als Soldat muß ich auf viele liebgewordenen Dinge, die ich früher nicht entbehren zu können glaubte, verzichten. Denn was hat der Soldat praktisch noch an guten, wärmenden und herzfrohmachenden Dinge. Und trotzdem lebe ich frisch und fröhlich den Tag wie er kommt, der eine aus dem andern sich ergibt. Irgendwo ganz fern sind sie wohl, die guten Dinge und ich weiß ihren Wert zu schätzen, aber ich brauche sie nicht und darum fehlen sie auch nicht. Trotzdem ist an den ganz wenigen kleinen Dingen, die mir geblieben sind, oder die sich mir wieder zugesellt haben, das gleiche festzustellen. Keines dieser Dinge möchte man so ohne weiteres verlieren oder hingeben. Manchmal ist es mir richtig zu dumm, daß ich auf so vieles verzichten muß und kann und es in Wirklichkeit doch recht schwer kann. Positiv gesehen hat natürlich dieses Verhaftetsein mit den Dingen sein durchaus Gutes. Die rechte Einstellung lehrt uns die Dinge schätzen, ihnen den rechten Wert in der Ordnung Gottes beizumessen und sie anzuerkennen.

Es ist schon recht, Liebste, wenn wir am Ende unserer Briefe immer feststellen, daß wir noch soviel zu sagen hätten und es doch nicht sagen konnten. Und ich sage auch immer, daß es gut so ist; etwas darf und muß stets unausgesprochen bleiben, dieses Letzte, Heilige, Große, das so tief ist so unnahbar, daß keines Menschen Mund es nennen kann, wenn auch manch Begnadeter nahe heranreichte. Selbst im tiefsten Einssein darf dieses Heilige noch bleiben, und die Ahnung der Tiefe ist groß und herrlich. Wie gern und frei Du das immer sagst in den Schlußworten Deiner Briefe. Sie sind es, die ganz tief an das Herz rühren, besonders in diesem Briefe aus Dernbach; denn darin vermagst Du ein klein wenig die geheime Kammer zu öffnen.

Die Feste Deiner lieben Briefe wiederholen sich jetzt fast jeden Tag. Heute war wieder solch ein Fest. Und die Fremde und Ferne macht diese Feste nur noch schöner. Aus jeder Zeile dieser Briefe spricht das Glück Deines neuen Erlebens mit dem Kindlein unter Deinem Herzen. Je stärker Du das wachsende Leben spürst, umso größer wird Deine Sehnsucht, mir von Deinem Glück mitgeben zu können. Du glaubst nicht, meine Marga, wie fein Du das mit Deinen Briefen fertig bringst. Wenn ich einmal ganz still allein im Wald bin oder auf dem Wege über die Landstraße, dann kommt in den Gedanken an Deine Worte das ganze Glück auch über mich, dann bin ich Dir so nahe und im Herzen wird Dein Glück ganz groß und leuchtend. Jeder Brief ist eine Hingabe ohne gleichen, so daß ich manchmal meine es sei so, als ob Du in den herrlichsten und tiefsten Stunden bei mir

gewesen seiest. Wie schön und weit hat die Liebe Dein Herz gemacht, daß es solcher Worte fähig ist, die mir dünken wie die Nähe Deines Leibes. Dürfen wir fragen, ob eigener Verdienst oder Glück uns dazu befähigt. Ach wie wenig würde es sein, wenn wir daran dächten. Alles liegt in Gottes Hand, aber zu allererst und für uns Menschen so gut die Liebe, die wir uns zu schenken vermögen.

Nun wird der geheiligte, fest geschlossene Kreises unseres schönen Geheimnisses allmählich sich lockern müssen und damit tragen wir auch äußerlich unser Tun in die Welt hinaus und schaffen unserem Kindlein seinen Raum, den es in Familie und Volk haben wird. Und unser Kindlein beginnt damit offen eines der vielen kleinen und großen Kindlein in der Gemeinschaft der Menschen zu werden, so wie es der Herrgott will. Die Eltern, die Geschwister die Familie, die Sippe, die Freunde, sie alle beginnen es in ihren Kreis aufzunehmen und mit seinem Dasein zu rechnen, wenn es auch noch so klein und noch ganz hilflos ist. Aber es ist da, und überall soll die Freude groß sein.

Gestern war das Fest Christi Himmelfahrt. Im Nachbarort war ich zur Zeit des Kirchgangs. Ich sah die Frauen und die Kinder und ein paar junge Burschen zur Kirche ziehen. Männer waren kaum zu sehen, ein paar Greise ausgenommen. Nachher drang der Gesang der gottesdienstlichen Feier aus dem Kircheninnern nach außen. Ich mußte an unser Sonntage denken, an unser Singen und Beten. Das wird jetzt noch eine gute Weile dauern, bis ich wieder mittun darf. Jetzt kann ich es nur in Gedanken.

Liebste, mache Dir bitte keine Sorge über mein leibliches Wohlergehen. Da habe ich alles, was ein Soldat braucht, und hungern oder sagen wir gelinder verzichten brauche ich höchstens auf die äußere angenehme und anständige Form. Unter der Hand gibt es hier das eine oder andere noch immer, wenn auch teuer.

Meine liebe Marga, ich glaube nicht, daß ich so feine Worte zum Abschluß finde wie Du. Aber Du weißt, daß ich es genau so tun möchte und auch genau so meine. So bin ich denn wie stets und für immer ganz einfach und schlicht

Dein August