August Broil an seine Frau Marga, 23. Mai 1944
23.5.1944
Meine liebe Marga,
die Nacht war noch ganz dunkel, und es war so still; der Wind, der sonst fortwährend in den hohen Kastanien rauscht schien noch zu schlafen wie die Welt ringsum. Die Sterne verbargen sich hinter dunklen Wolken. Da stand ich in der Stille in meinem Soldatenkleid, den langen wärmenden Mantel um und den Helm auf dem Haupt, über die Schulter die Waffe. Es tat mir weh, mit dem harten Soldatentritt die Stille immer wieder zu durchbrechen, und ich mußte oft verweilen, um mich ganz der Stille hinzugeben. Du, zwei solcher Wachstunden können ein feines Erlebnis sein. Es sind zwei lange Stunden in der Dunkelheit, aber es gibt so viel darin zu tuen, zu erleben, zu denken und zu beten. Heute habe ich aus der Stille heraus das Erwachen des Morgens erlebt, aus dem Schweigen das Lautwerden der tausend Stimmen um uns, die wir am Tage nicht mehr hören, weil die Vielfalt der Eindrücke die Einzelstimmen verwischt.
In der Ferne wurde ein Hund laut, vielleicht gingen dort auch tappende Schritte umher. Dann wieder Stille, ein paar Schritte über weichen Boden und wieder Verhalten, lauschen, horchen. Kein Laut, nur Stille. Nach einer Weile des Wartens erschallt der erste Ruf des Morgens, der Hahnschrei, weit in der Runde von allen Höfen und Ställen die schrille Antwort. Ein paarmal geht das harte Durchschneiden der sanften Stille hin und her, und dann tut die Stille besonders wohl. Ganz allmählich beginnt das Licht zu wachsen, das dunkle, bedrückende Grau wird lichter, aber noch sind die Farben der Blüten und Blätter verborgen. Ein paar Häuser straßauf regt sich der Schlüssel knarrend im eisernen Tor. Der Koch schreitet mit rauhen, festen Schritten zum morgendlichen Dienst. Die herbe, etwas bedrückende Stimmung des grauen Morgens verliert sich erst mit dem ersten zaghaften Vogelschlag, ein Spatz scheint es nur sein, der sein piepsendes Frühlied versucht. Doch es ist eine ganz frohe Stimme, wenn sie auch eintönig und nicht von großer Schönheit ist. Und dieses
kleine Lied ist der Auftakt zu dem vielstimmigen Chor, der nun bald einsetzt aus all den vielen Vogelkehlen. Da singen sie ihr freudiges, unbekümmertes Lied und jauchzen hinein in den kraftvoller werdenden Morgen, der jetzt mehr und mehr Licht ausstrahlt. Die weißen Blumen auf dem Rasen werden zu hellen Sternen, die Blätter an den Bäumen werden versöhnlich grün, die großen Blüten haben wieder ihre Leuchtkraft. Dann beginnt allenthalben das Leben. Die Läden werden aufgestoßen und das neue Licht dringt in die vom Schlafe trüben Räume und macht sie wieder frisch zu neuem Tagewerk. Meine Stunden sind abgelaufen, die Nachtwache ist mit dem aufglänzenden Tage vorüber.
Liebste, Du siehst, wie alles sein Schönes hat, wenn einem nur das Glück geschenkt ist, es zu sehen und zu erleben. Ich freue mich jetzt schon etwas, wenn ich am Abend weiß, daß die Nacht mir wieder ein paar gute Stunden schenken will, die ein kleines Schlafopfer wert sind. (Schlaf entbehren ist ja eigentlich gar kein Opfer mehr, sondern für so viele Menschen Nacht für Nacht eine Selbstverständlichkeit.) Du, und man kann noch manche Dinge lernen in diesen Nachtstunden. So wird mir jetzt der Rosenkranz ein ganz vertrauter Freund. Mit der Erfahrung des Lebens sind auch die Geheimnisse viel vertrauter. Ich denke da besonders an den freudenreichen Rosenkranz, in dessen Gesetzen so wunderbare Gedanken enthalten sind, deren tieferen Sinn wir beide jetzt ganz besonders begreifen lernen.
Meine Marga, ich fand dieser Tage einen Zeitungsaufsatz, den ich Dir zu lesen geben möchte. Manche der Gedanken sind für uns natürlich nicht diskutierbar, aber immerhin steht ein anständiger, positiver Kern darin, hauptsächlich da, wo er sich mit den Geheimnissen des Lebens befaßt und von der Ehrfurcht vor ihnen spricht. Es tut gut, in dieser ehrfurchtlosen Zeit, von der Du ja auch auf Schritt und Tritt zu spüren bekommst, solch gute Gedanken zu lesen.
Mit diesem kleinen Brief, Liebste, will ich Dir heute mein inniges Gedenken widmen und es soll Dir auch sagen, wie gut ich es doch eigentlich noch habe. Und wenn wir erst wieder zusammen sind, wie gut wird es dann werden.
Dein August.