August Broil an seine Frau Marga, 5. Juni 1944

O. U., den 5/6.1944

Meine liebe Marga,

der Tag gibt mir eine ruhige Stunde, die ich zu einem kleinen Brief an Dich benutzen will. Am gestrigen Sonntag habe ich einen Brief an Kpl. Angenend fertig geschrieben, den ich schon Pfingsten begann und der dann die Woche über liegen blieb. Es war schön, in Gedanken die guten Dinge um die Komplet gegenwärtig zu haben. Es ist doch etwas Wunderbares, wenn wir in diesen Tagen auf ein fünf Jahre währendes Tun und Schaffen in der Gemeinschaft froh zurückblicken durften. Du wirst meinen Brief wahrscheinlich selbst lesen können. Lange Stunden des Sonntags habe ich auf der Wiese gelegen in der warmen Sonne und geträumt. Meine Flöte hatte ich mit, und wir haben ein wenig musiziert, der Kamerad auf der Mundharmonika und ich mit der Flöte. Es ist ein junger netter Kerl, ein Volksdeutscher. In seinem schwerfälligen, gebrochenen Deutsch hat er mir von seiner Aachener Zeit erzählt: Er war nach mir in der gleichen Kompanie wie ich. Viele gute Erinnerungen aus Aachen tauchten wieder auf. All die vielen Unannehmlichkeiten, die es für mich in Aachen zu überwinden gab, waren für ihn in gleicher Weise aufgetreten. Eben kommt die seit mehreren Tagen zu erwartende Nachricht durch, daß die Kämpfe in Italien nun auch Rom erreicht haben. Es ist ein furchtbares Gefühl, zu wissen, daß auch die älteste Kultur der alten Welt nicht von diesem Kriege verschont bleibt. Dieser Krieg scheint wirklich dazu zu führen, daß alles Überkommene restlos verloren werden muß, um ganz neu beginnend, das Leben neu zu formen. Ob es unserem Geschlecht gelingen wird, wirklich die Welt besser und schöner neu zu errichten? Unsere Verantwortung wächst, wenn man es recht bedenkt, ins Ungemessene. Und ich glaube, daß die meisten Menschen, die jetzt am

Kriege irgendwie beteiligt sind, sich dieser Verantwortung garnicht bewußt werden. Sie sehnen alle das Ende des Krieges herbei und hoffen auf die geruhsamen Tage, die dann kommen sollen. In Wirklichkeit wird dann erst die eigentliche Aufgabe des Krieges gemeistert werden müssen, wie auch sein Ausgang werden mag. Mit ungeheurer Übermacht den Krieg gewinnen ist an sich keine allzu große Kunst. Aber den Sieg so zu gestalten, daß der kommende Friede Friede werde für alle, das ist die große Kunst, die wahrhaft menschliche Größe verlangen wird. Da wir aber nirgendwo mit dieser menschlichen Größe rechnen können, wird die Verantwortung für den Einzelmenschen so groß. Denn er muß dann selbst die Last auf seine Schultern nehmen und mit dem Schicksal in positivem Sinne fertig werden. So, liebe Marga, wird uns nach diesem Kriege mehr zu wirken übergeben sein als jetzt.

Nun muß ich Dir auch wieder einige praktischen Dinge schreiben. Das erste Geld ist prompt angekommen und wurde noch für Mai verbucht, sodaß für Juni wieder neues Geld rollen darf. Ich lege dem Brief wieder einige aufgesparte Päckchenmarken bei. Wenn Du etwas schicken möchtest - und ich weiß ja, wieviel Freude es Dir macht, dann schicke bitte nichts an Lebensmitteln, denn wir leben hier ausgezeichnet, wenn man sein Geld richtig anwendet. Butter, Eier und Milch sind immer zu haben, wenn man etwas auf die Dörfer geht und Geld hat. Jedenfalls ist der Wert des Geldes da, wenn auch nur in geringer Höhe. So viele Teile aus dem Haushalt, die wir sicher brauchen können und die Deutschland nicht mehr zu haben sind, bekommt man hier gegen Geld ohne weiteres. Ich müßte nur besser Bescheid wissen was fehlt.

Nun, Liebste, sei der kleine Plauderbrief beendet. Dir sei er eine kleine Freude. Ganz froh und herzlich

Dein August

Einige Lebensmittelmarken, die ich hier ja nicht benutzen kann, schicke ich Dir zu. Was macht Leverkusen; ich höre von häufigen Angriffen.