August Broil an seine Frau Marga, 12. Juni 1944
Frankreich, den 12. Juni 1944
Meine liebe Marga,
wenn Du sähest, wie ich jetzt beim Briefschreiben hier sitze, dann würdest Du Deine Freude daran haben. Auf einer Obstwiese stehen unsere Fahrzeuge, reich mit Laub getarnt. Man sieht nur dichtes Laubgedränge und vermutet darunter die Fahrzeuge. Gestern war der Himmel grau verhangen, tief über das Land hinweg, die Flieger konnten nicht viel ausrichten. Heute scheint die Sonne hell und blank; da huschen sie vorüber wie der Blitz, aber sie scheinen uns noch nicht entdeckt zu haben. Ich sitze unter einer hohen Espe am Rand eines Flüßchens ähnlich wie die Dhün. Als wir gestern Zweige von den Bäumen abtrieben und ich zu der Espe kam, da tat es mir leid um sie - Du weißt ja warum - und sie steht jetzt noch ganz schön da, mit ihren im Winde unaufhörlich schaukelnden und tanzenden Blättern. Sieh, Liebste, darum mußt Du Dich freuen. Bei unserem Vagabundenleben geht es jetzt immer so, daß wir in der Nacht fahren und am Tag irgendwo im Wald oder auf einer Wiese in Tarnung gehen. Anders ist es garnicht möglich voranzukommen, wenn wir nicht alles verlieren wollen, bevor wir überhaupt unseren Bestimmungsort erreicht haben. Bei diesem Wandern von Ort zu Ort gibt es soviel Wunderbares und Schönes zu sehen. Ich hätte nie geglaubt, daß Frankreich, in besonderem die Normandie so schön ist. Gestern waren wir in einem Wald in der Nähe eines Pferderennplatzes. Der war in seiner grünen Pracht ganz herrlich angelegt. Die breite, weit ausgedehnte Bahn war ein einziger grüner Teppich, auf dem unzählige arglose [..] sich herumtollten, die allerdings durch unseren unerwarteten Besuch recht scheu wurden. Wenn man auf den Turm stieg, dann blickte man in der Runde über ein leicht gewelltes grünes Land mit Wald und Wiesen. Und oben über dem ländlichen Frieden rauschte und brummte es von den vielen
Jägern, die auf den Straßen die Opfer suchten. Aber wir lagen gut geschützt im Walde. Wenn nicht von Zeit zu Zeit das Brummen über uns wäre und in der Ferne ein Rumpeln vernehmbar wäre, dann wäre das hier eine wohlgelungene Sommerreise durch Feld und Wald und Aue. Heute abend geht es sicher wieder weiter, neuen unbekannten Zielen zu. Hoffentlich gibt es bald wieder eine günstige Gelegenheit, die Post weiterzugeben. Gestern konnten wir sie einem unserer Wagen mitgeben, der nach Paris ging. Mit der ankommenden Post wird es etwas schwieriger sein.
In dem Getriebe, meine Marga, habe ich auf Deine Briefe gar keine rechte Antwort geben können. Das wird zuweilen jetzt schwierig sein, weil meine Briefe stets aus dem Stegreif geschrieben werden müssen, wo sich gerade Zeit und Gelegenheit ergibt. Dein Vorschlag, die einzelnen Briefe untereinander zu verbinden hat mir Freude gemacht, ist aber jetzt für mich schlecht durchführbar; Du weißt warum! Wenn wieder ruhigere Zeiten sind, will ich auch damit beginnen.
Du Liebste, wenn jetzt die Nachrichten unregelmäßig kommen, so mache Dir dann keine besonderen Sorgen; denn das kann ja nicht so glatt und einfach gehen, wie ich auch oben schon sagte. Aus dem, was ich Dir schrieb, wirst Du herauslesen, daß es mir gut geht und ich ganz zufrieden bin. Und es gibt soviel Schönes zu erleben und zu sehen. Wenn die Abenddämmerung naht, dann muß ich ganz besonders an Euch beide denken, ihr zwei Guten.
So schicke ich Dir und unserem Kindlein ein ganz herzliches Gedenken. Die Zeit vergeht so rasch, und das Ende kann auch nicht mehr allzu ferne sein.
Dein August.