August Broil an seine Frau Marga, 6. Juli 1944
Frankreich, am 6. Juli 1944.
Meine liebe Marga,
nach vielen kühlen, regenreichen Tagen, ist heute ein Tag, der wie ein Bild gemacht ist, voller Sonnenschein und Freude des lachenden Himmels. Der lustige Ostwind hat alle trüben Wolken mit seiner Kraft hinweggefegt. Es ist wieder der liebe Ostwind, der so gute Geschichten erzählt von zu Hause, von Dir und allen Lieben. Bei dem schönen Ostwind muß ich an alle frohen Sommertage denken mit ihren vielfachen Erlebnissen, wenn wir mit den Freunden über das Land zogen und durch die Wälder, wenn wir an den Ufern unseres Rheins oder im Wasser eines Sees uns tummelten. Das alles ist so lange her und so fern, aber im Herzen hat es doch so herzlich und frohe Erinnerungen zurückgelassen.
Nun aber ist die Zeit eine ganz andere geworden, nun verlangt sie von uns mehr: das Opfer des Fern- und Alleinseins, der Trennung und der Einsamkeit, des Wartens und der ungestillten Sehnsucht. Und doch hat auch dies wieder sein Schönes. Die Hoffnung, daß alles einmal wieder gelöst sein wird, daß all unsere geheimen Wünsche, die wir jetzt kaum auszusprechen wagen, erfüllt sein werden, macht uns froh und stark.
Meine Liebste, ich schrieb in meinem letzten Brief vom Monat Juli, als unserem bedeutungsvollen Sommermonat, der mit großen Erinnerungen angefüllt ist und dazu eine Anzahl persönlicher Feste in sich einschließt. Da ist uns das Fest Deines Namens ganz besonders lieb. Es wird für uns in der Familie ein bedeutungsvolles Fest werden, noch ganz anders als in den Jahren des Alleinseins. Damals haben wir an diesem Tage der großen Gnade gedacht, deren uns der Herr zuteil werden ließ, als er uns aus dem Schoße der Unendlichkeit herausrief an das Licht seines Tages, indem Er uns den Namen gab.
Sieh, meine liebe Marga, den Namen haben Dir damals Deine Eltern ausgewählt und der Herrgott hat ihn durch Seine Gnadenkraft Dir gegeben. Nun sind wir beide in die gleiche Lage versetzt, unserem Kindlein einen würdigen Namen auszuwählen. Diese Kraft hat uns der Herr verantwortlich übertragen. Die Gedanken, die wir uns darüber gemacht haben, das Suchen nach den rechten Zusammenhängen und die damit verknüpften freudigen Erlebnisse des Zusammenseins werden an diesem Tage uns ganz besonders nahe sein. Wir beide werden an Deinem Festtage froh und gut aneinander denken und werden ihn jetzt still für uns, später aber im Kreise unserer Familie mit besonderer Innigkeit begehen.
Es ist eine schöne Sitte, die Feier des Tages mit kleinen Geschenken zu verschönen. Uns ist zwar jetzt keine Möglichkeit dazu gegeben. Die Gedanken, die wir füreinander haben, sollen darum um so tiefer und inniger sein.
Ach wie schön ist es doch, meine liebe Marga, hier in der Ferne solchen Gedanken nachzugehen, die ja nichts anderes sind als ein Hindenken auf die spätere vollständige Gemeinsamkeit, wenn ich wieder bei Dir bin. Wenn wir dann all die schönen Dinge, von denen wir jetzt nur schreiben und denken können, wirklich gemeinsam tun, dann wird es ein schönes Leben werden. Aber wir wollen auch später immer daran denken, wenn uns das alles wieder selbstverständlich sein wird, wie kostbar uns heute schon die Gedanken daran sind.
So erflehe ich Dir denn, Liebste, zum Feste Deines Namens den Segen und die Kraft des gütigen Vaters im Himmel, und ich Bitte ihn, daß Er uns die Gnade gebe, für unser Kindlein den rechten Namen, der Ihm die Ehre geben wird, zu finden.
Dein August