August Broil an seine Frau Marga, 14. Juli 1944

Frankreich, den 14.7.44.

Meine liebe Marga,

sei mir nicht böse, dass ich diese paar Zeilen auf der Maschine schreibe. Ich will Dir hierin nur einiges Nähere darüber erzählen, wo wir uns augenblicklich befinden, wenigstens soweit das möglich ist, ohne irgendwelche Geheimnisse dabei preiszugeben. Du hast ja schon des öfteren in Deinen Briefen danach gefragt, und ich weiss, dass es für Dich viel schöner ist, wenn Du Dir ungefähr vorstellen kannst, wo ich jetzt bin. Zu diesem Zwecke habe ich Dir ein Kärtchen, welches ich in der Zeitung fand, genommen und darin den Raum eingezeichnet, in dem wir uns augenblicklich hin- und herbewegen. Es ist also hauptsächlich der Raum südlich Caen zwischen Orne und Dives. Die Landschaft ist ein breites Becken, das westlich und östlich von sanft ansteigenden Höhenzügen eingesäumt wird. Ueber die Eindrücke, die diese Landschaft auf mich machte, habe ich Dir schon verschiedentlich geschrieben. Auch heute kann ich wieder sagen, dass mich all das Schöne der Landschaft täglich aufs neue erfreut. Für die vielen unschönen Dinge, die es als Soldat zu überwinden gibt, ist der Anblick der Landschaft stets ein guter Ausgleich. Es müsste nur so sein, dass man sich etwas freier darin bewegen dürfte. Aber die Erfordernisse des Krieges erlauben das nicht.

Der Ort, in dem wir jetzt eine gewisse Ruhestellung haben, ist im Vergleich zu unseren Dörfern doch recht armselig. Meist ist es so, dass einige armselige Bauernhäuser neben schönen grossen Häusern mit mehr städtischer Einrichtung stehen. Es gibt nicht wie z. B. im Bergischen Lande das Fachwerkhaus einen Haustyp, der für die Landschaft charakteristisch ist, sondern jeder baut sein Haus aus dem vorhandenen grauen Stein so, wie es seinem Geldbeutel und seinen Bedürfnissen entspricht. Viele der Häuser sind schon recht alt und ungepflegt, sodass alles einen etwas unsauberen Ausdruck hat. Es wird auch vieles mit der langen Kriegszeit zusammenhängen. Warum, so wird man sich sagen, sollen wir unsere Häuser instandsetzen, wenn sie heute oder morgen doch zusammengeschossen werden.

Das Leben der Bevölkerung ist hier fast provisorisch zu nennen. Ich habe Verständnis dafür. Der Mann auf dem Felde weiss nicht, ob er seine Frucht noch ernten wird, oder ob sie von der darübergehenden Feuerwalze des Feindes zermalmt wird. Er weiss nicht, ob er nicht morgen schon von Haus und Hof weg muss, weil das drohende Rollen immer näher kommt und die Granaten auch sein Haus zerstören können. Aus dem Kampfgebiet ziehen den ganzen Tag über die Flüchtlinge weiter in das Innere des Landes. Auf Fahrrädern, Handwagen, Pferdekarren haben sie eine schnell zusammengeraffte Habe verstaut. Kinder und Greise, Frauen und Männer ziehen gleich einträchtig ihre ermüdenden Pfade. Der warme Sommer ist ihr Bruder und lässt sie das Leid und die Unbill leichter ertragen. Ich werde an unsere Städte erinnert aus denen nach den Bombennächten die Bevölkerung fliehen musste.

So könnte ich Dir noch vieles erzählen, auch viele Dinge, die man im Brief doch nicht schreiben kann, für das Erleben des Krieges und seiner näheren Umstände wichtig sind. Doch heben wir uns das für eine spätere Zeit auf.

Heute grüsse ich Dich und unser Kindlein ganz ganz herzlich

Dein