August Broil an seine Frau Marga, 9. Juli 1944

Frankreich, den 9. Juli 1944.

Meine liebe Marga,

ich habe wieder einen ziemlich stillen Platz zum Briefschreiben gefunden: es ist das Führerhaus unseres Fahrzeuges. Da ist es zwar nicht so schön wie draußen am Tisch im Freien, aber ich werde wohl weniger gestört. Das ist, Du weißt es selbst am besten, sehr wichtig. Die Freude am Brief wird für mich viel größer, wenn es still um mich sein kann, weil dann doch die Gedanken viel ruhiger fließen. Und es ist seltsam bei den Gedanken über den Brief oder in und mit ihm. Meist sind es doch recht geheime, nur uns beide angehende Gedanken, die da in den Brief fließen, und wenn da dauernd Menschen um einen herum sind, dann meine ich, sie könnten von den Gedanken etwas merken oder könnten sogar einen neugierigen Blick in die Wort gewordenen Gedanken werfen. Das widerstrebt mir ordentlich, daß irgendein Mensch, dahineinblicken könnte, dafür sind uns die Geheimnisse zu kostbar. Manchmal allerdings geht es garnicht anders und dann muß ich eben mit dem vorlieb nehmen, was die Gelegenheit bietet. Ich weiß sicher, daß Du aus den Briefen mitempfinden wirst, unter welchen Umständen sie geschrieben sind. Das hast Du ja stets als eine besonders schöne Aufgabe betrachtet, diese versteckten Aussagen, die ein Brief außer seinen darin enthaltenen Worten machen konnte, herauszufinden.

Als ich heute morgen wach wurde, war gerade ein Traum von mir gefallen, den ich mit Dir erlebte. Es geschah darin nichts Außergewöhnliches. Das Außergewöhnliche war mir, daß ich irgendwie bei Dir war, zu Hause oder sonstwo. Deine Gestalt aber zeigte sich mir ganz deutlich, wie sie durch das unter dem Herzen schlummernde Kindlein gesegnet war. In mir prägte sich ein Empfinden ein, daß Du Dich mit Deinem gesegneten Leib ganz in meine schützende Obhut gabst in allen Deinen Bewegungen und Handlungen. Nach dem Erwachen habe ich natürlich überlegt, wie der Traum entstanden sein konnte. Das war allerdings nicht allzu schwer zu ergründen. Denn gestern abend kam mir doch noch ein Brief von Dir. Als ich den Brief zunächst in der Hand hielt und den umfangreicheren Inhalt im verschlossenen Umschlag spürte und dann das Datum des Poststempels

war ich erst etwas enttäuscht. Der Brief war vom 16.6. und enthielt wahrscheinlich „nur” ein weiteres Heft der Evangelien, sicher mit einem guten Gruß, aber gewiß ohne sonstige Nachricht von Dir. Als ich dann den Umschlag öffnete, war doch ein Brief darin. Und welch überraschend schöner Brief, meine Liebste! Und was Du mir alles darin erzählst! Ich kann ihm nicht anders gerecht werden als daß ich ihn Punkt für Punkt beantworte, so wie ich ihn jetzt wieder vornehme und durchlese an diesem Sonntagnachmittag.

Da erzählst Du zuerst von der Fünfjahres-Feier unserer Komplet und damit auch der Gemeinschaft unserer Jungen Kirche. Das war gewiß für alle, die daran teilnehmen durften, ein unvergeßliches Erlebnis. Viele Freunde draußen werden in Gedanken in jenen Wochen bei Euch gewesen sein. Mir war so oft ein Anlaß zu freudigem Erinnern der schönsten Stunden, und ich habe versucht, etwas von den Gedanken in einem Brief an Kpl. Angenendt festzuhalten. Für uns beide ist ja, wie auch Du so fein schreibst, ein ganz besonders schönes Erinnern mit all dem verbunden, was uns die Gedanken an die Krypta wachruft. Wir dürfen fast sagen, daß wie bei einem Sakrament das äußere Zeichen den Strom der Gnade versinnbildet, die Krypta das Wachsen unserer Gemeinsamkeit darstellt oder in ihren Schutz genommen hat. Darum kann ich es so gut verstehen, wenn Du den Wunsch hast, daß unser Kindlein das Sakrament der Taufe ebenfalls in unserer Krypta empfangen möchte. Wenn ich auch zunächst bedachte, daß es nicht richtig wäre, wenn Du in diesen Tagen in Köln wärest, so halte ich es unter den Möglichkeiten wie Du sie schilderst, durchaus für richtig. Es wäre ja wirklich ein wunderbares Rund, daß damit die Krypta im Wachsen unserer Gemeinsamkeit schließen würde. Aber wir wollen dabei ganz vernünftig sein und kein Prinzip daraus machen, sondern es mehr als einen sinnvollen Brauch in unserer Familie betrachten, der allerdings dann zurücktreten muß, wenn die äußeren Möglichkeiten seine Ausführung nicht zulassen.

Papa Gilliam müssen wir wirklich dankbar sein, daß er soviel Mühe aufwendet. Er ist ein richtiger Papa nicht nur für seine eigene

Familie, sondern überall da, wo es väterlich fürsorgend zu helfen gilt. Aus allem spricht die reiche Erfahrung, die er im Leben seiner Familie gesammelt hat. Wenn es möglich ist, daß Du nach Rheinbach gehen kannst, wenn Deine Stunde kommt, dann ist das eine ganz glückliche Lösung. Eins allerdings wäre mir doch lieb, wenn Du außerdem vorher und nachher ein Zeitlang in eine ruhigere Gegend gehen könntest, um den von den vielen schweren Tagen und Nächten sicherlich stark beanspruchten Nerven ein wenig Ruhe zu gönnen. Es ist schade, daß ich von hier aus nur so wenig dazu tun kann.

Ich bin Dir sehr dankbar, Liebste, daß Du mir von den Besuchen bei den Eltern immer etwas berichtest. Beide Elternpaare machen mir Sorge, weil sie doch jetzt recht einsam geworden sind und mit den Schrecknissen und Gefahren des Krieges recht viel zu kämpfen haben. Es ist wohl so, daß das aufopferungs-entbehrungsreiche Leben sehr stark an ihrer Nervenkraft genagt hat, sodaß sie jetzt nicht mehr den erforderlichen Widerstand haben. Es dauert auch alles zu lange und sie werden nicht jünger dabei. Wir haben an unseren Eltern das schönste Beispiel dafür was es heißt: leben. Sicherlich nicht das, was die meisten Menschen sich leichtfertig darunter vorstellen: ein kraftvolles sich Herumschlagen mit dem Schicksal, sondern viel öfter und eher ein duldendes, zähes, verbissenes Ringen, ein ununterbrochenes Bewähren in kleinen und kleinsten Dingen. Ich bin froh, daß die Eltern für eine Zeit aufs Land gehen wollen.

Welch feine Gedanken hast Du mir über die Taufe geschrieben und über die Zusammenhänge zwischen Patenschaft und Vaterschaft. Dem Vater stände es wohl zu, daß er voll Freude und Stolz sein Fleisch und Blut zum Herrn hintragen würde, auf daß der Herr Seine Vaterschaft in der hl. Taufe übernehme. Aber auch so ist der Brauch sinnvoll, daß über der natürlichen Vaterschaft im Augenblick der gänzlichen Besitzergreifung des jungen Menschenkindes durch den dies bekundenden Paten die geistige Beziehung gestellt wird: über die Natur steht die Übernatur.

Du liebe Marga, ich bin so überrascht gewesen von Deinen Gedanken über die Patenwahl, und zwar deshalb, weil, wie das schon häufig geschehen ist, unsere Gedanken unabhängig voneinander fast genau zu den gleichen Ergebnissen gekommen sind. Als ich las, daß Du genau die gleichen Paten verschlugst wie ich, habe ich mich doch so gefreut. Wenn es nicht möglich sein wird, daß Bruno die Patenschaft übernimmt, könnten wir sie Heinrich antragen. Wenn er auch nicht, wie ich das in meinem früheren Brief erwähnt habe, aus dem „Kreis der Krypta” hervorgegangen ist, so ist es doch so, daß er so viel Verständnis und Einfühlungsvermögen hat, um sich in den Geist hineinzuversetzen. Davon haben wir ja eine Anzahl Beispiele.

So haben wir nun, meine Liebste eine ganze Anzahl uns und unsere wachsende Familie berührende Probleme auch im Briefe aufgerollt und geklärt. Es mag immer ein Notbehelf sein, aber es ist auch ein schöner Notbehelf, der uns unter den jetzigen Verhältnissen viel Freude und Genugtuung bereitet. Darum wollen wir das auch intensiv so weiter halten so lange uns noch irgendwie die Möglichkeit dazu bleibt.

Nun sind die Kämpfe hier in der Normandie schon über einen Monat im Gange. Das Leben für uns, von dem ich Dir schon verschiedentlich berichtete, ist immer in ziemlich gleichen Bahnen verlaufen. Bis jetzt bestand wirklich noch kein Grund für Beunruhigung, sondern ich glaube, daß eher umgekehrt Grund wäre. Aber ich bin auch da immer ganz ruhig und besonnen. Wir wissen, daß wir keinen anderen Weg gehen können als den vorgezeichneten. Aber wir wissen auch, daß wir diesen vorgezeichneten Weg in gläubigem Vertrauen und in guter Hoffnung gehen dürfen, die uns über alle dunklen und beängstigenden Stunden hinweghelfen. Laßt uns darum, meine liebe Marga, ganz treu und fest zusammenstehen und froh darauf hinwirken, daß wir endlich doch wieder gemeinsam alles tun dürfen, was für uns und unsere Familie zum besten ist.

So bin ich heute wie immer wieder in frohem Gedenken

Dein August.