August Broil an seine Frau Marga, 13. Juli 1944
Frankreich, am 13. Juli 1944
Am Festtag der Heiligen Margarete
Meine liebe Marga,
wenn ich heute bei Dir sein könnte, würden wir den Tag festlich begehen. Nicht nur, weil es Brauch ist, das Fest des Namens, der Dir gegeben ist, in unserer Heimat zu feiern, sondern weil wir an diesem Festtag daran denken wollen mit welcher Gnade uns der Herr ausgestattet hat, als er uns in der Taufe würdig befand, ein Glied am Leibe Christi zu werden. Nun bin ich allein und ferne, und ich muß das Fest allein und in Gedanken begehen, muß mich hineinversenken in unsere Gemeinsamkeit, aus der uns ein schönes Tun an diesem Festtage geschenkt würde. Und dieses Alleinsein fällt mir an dem schönen Sommertage leicht und auch schwer. Leicht fällt es mir, weil ich so viele feine Briefe von Dir bekommen habe, die Du mir aus Wittlich geschrieben hast. Da ist es mir so, als ob Du mit all den lieben Worten selbst zu mir gekommen seiest. Ich lese aus ihnen so viel von Deinem Wesen heraus, wie es Dich durch das Erlebnis des Kindleins und unserer Liebe geformt hat. Und es fällt mir schwer, weil es eben doch nur Gedanken sein können, die wohl Wirklichkeit an sich sind, aber die Wirklichkeit selbst ferne sein lassen, diese Wirklichkeit des Zusammenseins, die ach so schön ist und aus Deinen Briefen so schön herausklingt.
Ich nehme mir die Bilder aus den Wittlicher Tagen vor, und sie erzählen mir zu Deinen Briefen noch ganz viel dazu. Auch die stichwortartigen Aufzeichnungen in meinem Kalender hören nicht auf zu erzählen von den vielen frohen und entscheidenden Erlebnissen jener Tage. Alle drei, Deine Worte, meine Aufzeichnungen und die Bilder rufen so viele, tief im Innern schlummernde, zarte Bilder vor mein inneres Auge. Ich möchte es einmal so sagen können wie Du es immer gesagt hast: schön. Ja, schön war das alles und doch nur ein Vorspiel. Und bald durften wir aus den Tiefen die Schätze hervorholen, die uns so beglückt haben. Wenn es die äußeren Umstände zuließen, möchte ich am liebsten in diesem Birefe ganz lang mit Dir plaudern über all die schönen Erlebnisse der Wittlicher Tage. Aber der Brief
ginge nicht zu Ende, wenn er die schweifenden Gedanken alle festhalten wollte. Es vergingen wieder Tage, die ihn zu Dir bringen können. Denn das ist mir jetzt besonders wichtig, daß Du stets bald Nachricht von mir bekommt. Ich weiß wie Du danach ausschaust und wie Du beglückt bist, wenn ein Wort von mir zu Dir durchkommt. Die Post nach hause geht wohl sehr langsam und unzuverlässig. Zwischen dem Brief vom Fronleichnamstage und dem aus Paris liegen noch mehrere Briefe, die Du hoffentlich noch bekommen wirst. Wir müssen uns ja sehr bescheiden und oft viele Tage der Ungewißheit überbrücken. Ich weiß auch, daß es für Dich jetzt besonders schwer ist. Doch bin ich wirklich froh darum, daß Du mir davon ganz offen schreibst, daß Du mich wissen läßt von Deiner Sehnsucht und von der Schwermut, die Dich zuweilen übermannt. Darin sind wir beide uns ganz einig von je her gewesen, daß wir immer offen sind, nie das Schwere verschweigen, die äußeren und inneren Erlebnisse ganz ehrlich darstellen. Das hilft uns mehr als ein schöntuerisches Übertünschen. Auch Du bist froh darum, und ich habe das gar nicht anders angenommen. Nur nicht, meine Liebste, daß Du jetzt, wenn ich schreibe, daß es gut ist, lieber etwas Schlechteres annimmst. Wenn es so ist, dann schreibe ich Dir das genau so ehrlich, und ich kann es auch so schreiben, weil es wirklich oft so ist. Die Gefahr kann groß sein - Gott Dank bin ich vor ihr bisher im wesentlichen bewahrt geblieben - die Trennung mag schmerzlich sein, das Unangenehme und Unordentliche mag mir manchmal über sein: Trotzdem gibt es noch so viel Gutes und Schönes, und ich versuche stets, Dir davon etwas zu sagen. Da sind die Stunden der Briefe, da ist die Landschaft, da ist auch ein gutes Leben im rein Materiellen.
Du liebe Marga, unsere Briefe sind jetzt neben den Gedanken die um unser persönliches Leben kreisen am stärksten getragen von den Gedanken um unser Kindlein, denn mit ihm ist ja all unser Sein und Tun innig verwoben. Da denken wir in allem an das, was unserem Kindlein gut ist. Die Sorge meldet sich, wie wir es in dieser Welt recht empfangen, sowohl als hilfloses Menschenkind wie auch als Persönlichkeit in der Welt und vor Gott. Du hast ganz richtig geschrieben, daß
Hauptsorge bei Dir liegt, weil Du da bist und ich in der Ferne. Ich kann leider - so muß ich immer wieder sagen - nur im Briefe hier und da einen Rat geben oder einen Vorschlag machen, alles andere muß ich Dir in die Hände geben. Und das tue ich gerne und vertrauensvoll, denn ich weiß wie gut Du sorgst und wieviel Mühe Du Dir machst. Du erzählst mir oft so schön von den kleinen Vorbereitungen, von der Arbeit mit den Sachen, die für unser Kindlein bestimmt sind, von der Liebe und Sorgfalt, mit der Du Dich diesen Dingen widmest. So kann ich wenigstens ein klein wenig teilnehmen daran und mir ausmalen wie alles vorangeht. Recht traurig macht es mich, daß ich nicht wenigstens hier und da eine Kleinigkeit schicken kann. Es ist ja hier im Kampfgebiet schwer, von den Dingen, die wir für unser Kindlein brauchen, etwas zu bekommen. Aber sonst könnte ich doch das eine oder andere Teil einmal schicken. Nun, wir wollen trotzdem nicht mutlos sein. Du hast ja das rechte Wort gefunden vom Häslein und Gräslein und von der ängstlichen Sorge.
Heute, am Fest Deines Namens, möchte ich unserem Kindlein seinen Namen wählen, den ihm der Herr am Tage seiner Taufe geben wird. Für einen Jungen wollen wir den Namen Winfried halten. Wenn uns ein Mädchen geschenkt wird, möchte ich von den fünf Namen, die Du mir zur Wahl genannt hast, den Namen Ursula wählen. Er ist mit der Geschichte unserer Heimatstadt eng verbunden. Alles mit ihr zusammenhängende liegt uns heut mehr am Herzen als je. Sehr fein führst Du unser Erleben und dessen Verknüpftsein mit der ehrwürdigen Basilika, die ihren Namen trägt, an. Für uns beide ein besonders schöner Grund, gerade diesen Namen zu wählen. Nun ist die Erwartung groß, welchen der beiden Namen wir wählen dürfen! Beide sind uns gleich lieb.
Heute kann ich den Brief erst zu Ende schreiben, und da muß ich Bleistift nehmen, weil dafür die Umstände günstiger sind. Es ist gewiß so, liebe Marga, daß ich in dieser Zeit des Getrenntseins auf viele schönen Dinge verzichten muß, die wir, gemeinsam erlebt, viele male schöne in uns aufnehmen könnten. Aber auch da sagst Du ganz vertrauensvoll, daß es
wenn auch jetzt bei unserem ersten Kindlein nicht möglich, uns später wohl einmal das Glück geschenkt sein würde, all das gemeinsam zu erleben. Das ist ein feiner Gedanke, Liebste, und ich bin Dir dafür sehr dankbar. Wir wissen ja, daß es in Gottes Hand gegeben ist, wann und wie er uns mit unseren Kindern segnen wird. Aber wir wollen es auch ganz und gar als ein Zeichen Seines Segens betrachten. Viele Gedanken und Überlegungen kreisen um diese herrlich geheimnisvollen Dinge. Manche Menschen wollen sie ganz ihrem Willen und ihrer Willkür unterwerfen. Es liegt eine große Verantwortung bei uns - das wollen wir nicht verkennen; aber vor allen Gedanken und Überlegungen steht doch der Segen Gottes. Und wir sind ja darin zutiefst immer Zwei, Du und ich in herrlicher Gemeinsamkeit, und unser beider Sinnen und Wirken wird den rechten Weg zu finden wissen. Im Brief läßt sich das alles schwer behandeln. Das wäre ein Problem oder nur eine Frage, die wir besprechen müßten, wenn Du neben mir liegst, Deinen Kopf in meinem Arm geborgen, und wenn wir dann bis in die späte Nacht hinein erzählen würden. Dann würden wir sicher ganz von selbst die richtige Übereinstimmung finden, Du Liebste.
Vor einigen Tagen bekam ich einen Brief von Anneliese Cramer aus Bergisch Gladbach. Den muß ich Dir zu lesen geben. Ist das nicht ein wunderbarer Brief, den die kleine Anneliese da geschrieben hat! Wo ist da die [..] Trauer? Aber eine ungeheuer schöne Demut ist darin und ein Starkmut, der beispielhaft ist. Sieh bitte zu, daß Du wieder mit ihr in Verbindung kommst.
Nun, meine Liebste, soll heute der Brief zu Ende gehen. Er ist ja wieder nur ein Ausschnitt aus all dem, was wir uns fortlaufend erzählen und berichten und was wir miteinander besprechen. So viel gäbe es noch aufzuschreiben, aber die eilenden Gedanken lassen es meist garnicht so weit kommen. Manchmal vertragen sie es auch nicht, daß sie im Worte dastehen, weil sie dadurch an Farbenpracht und Reichtum einbüßen. Würden das erst herrliche Briefe geben, wenn wir das alles einfangen könnten. Freudig seien unsere Wege eins im Glück, in der Trennung und in der Liebe
Dein August.