August Broil an seine Frau Marga, 18. Juli 1944
Frankreich, den 18.7.1944
Meine liebe Marga,
Nun ist wohl Dein letzter Brief aus Wittlich zu mir gekommen, und jetzt, da ich ihn lese, bist Du schon lange wieder in Köln bei Deiner Arbeit, hast die altgewohnten Werke wieder aufgenommen. Die Wände „unserer” Zimmer werfen den Schall Deiner Schritte wieder zurück. Den Postboten mit den Briefen wirst Du wieder zur gewohnten Stunde erwarten, und Dein Herz wird schneller pochen, wenn ein Brief von mir dabei ist. Vielleicht war es sogar so, daß Du einen oder mehrere Briefe vorfandest zu Deinem Empfang, die Dir dann von mir erzählten, und Du warst ganz glücklich als ob ich bei Dir gewesen wäre. Die Rückkehr ins stille Heim wäre Dir nach den schönen, reichen Tagen in Wittlich ganz leicht geworden. Ach wie gut muß es Dir getan haben, daß Du all unsere gemeinsamen Wege vom vorigen Spätsommer noch einmal gehen konntest, allein und doch nicht allein. Denn unter Deinem Herzen trugst Du ja unser Kindlein, dem Du all unsere Erlebnisse erzählt hast. Wenn Du mir Dein Wiedersehen geschildert hast mit all den stillen Plätzen unserer Liebe, dann war ich ganz dabei, und ich
dachte mich da hinein, wie es gewesen sein mußte für Dich. Wenn ich dann das ganze Wohlgefühl des Nacherlebens in mir spürte, dann durchrieselte es mich zuweilen in süßem Schauer. Das ist schon immer ein ganz wunderbares Gefühl für mich gewesen: aus der Erinnerung etwas auftauchen lassen. Manchmal ist es, wenn ich still für mich umhergehe oder irgendwo sinnend sitze, daß mich wie ein Blitz ein Erinnern durchzuckt und die daran anknüpfenden Gedanken mir so gut tun. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn es so aus der Tiefe aufsteigt. Es enthält einen Teil Wehmut und einen Teil Glück. Ob das bei allen Menschen so schön ist? bei Dir auch? Ich glaube doch sicher und ich kann es sogar bestimmt sagen, denn wie könntest Du sonst so gut und schön von den früheren Erlebnissen schreiben.
Du, meine liebe Marga, ich wünschte doch, daß ich Dich manchmal hier bei mir hätte. Dann könnte ich Dir vielleicht doch hier und da etwas Gutes tun. Es ist manchmal ganz schlimm, daß ich in die Briefe doch nur Worte als Ausdruck meiner Gedanken hineinlegen kann. Und daß ich so gar keinen Menschen habe,
dem ich wirklich von ganzem Herzen gut sein kann. Aber ich glaube auch, daß das ein Fehler von mir selbst ist. Wenn ich der Sache einmal auf den Grund gehe, dann muß ich doch einsehen, daß es meist ein Mangel in mir selbst ist, wenn ich nichts Gutes anzubringen weiß. Manchmal kommt es denn wie so ein Schreckgespenst über mich, was für ein nachlässiger und dickfälliger Mensch man doch sein kann. Es kann dann sein, daß irgend ein guter oder auch schlechter Anlaß mich plötzlich aufrüttelt und mir ganz unverhüllt die Tatsachen vor Augen hält. Liebste, wenn ich Dir so schreibe, fasse es bitte nicht so auf als ob ich Dir wieder mein Leid klagen wollte. Vielmehr ist es so, daß ich, wenn solche Erkenntnisse oder Erlebnisse über mich kommen, ich so lange damit herumgehe und unruhig bin, bis ich Dir davon erzählt habe. Das Leben als Soldat hier draußen in Frankreich ist ja garnicht dazu angetan, äußere Ordnung und inneren Gleichmut zu haben. Es hat in all seiner Beengtheit und Gehemmtheit etwas Ungebundenes. Ganz allmählich spürt man, daß viele Dinge einem selbstverständlich erscheinen, denen man früher
mit Abstand, wenn nicht gar feindlich gegenübergestanden hat. Man wird in so vielen Dingen gleichgültig und oberflächlich. Da ist es gut, wenn man von Zeit zu Zeit durch irgendein Erlebnis einmal innerlich richtig aufgerappelt wird und wieder zum nachdenken kommt. Und wenn das geschieht, dann stellt man mit Erschrecken fest, wie sich als schleichendes Gift so manches in einem fortgesetzt hat, das einmal gründlich hinausgekehrt werden muß. Und dann kann man auch so viele Dinge ausfindig machen, die einem dazu helfen. Und man braucht nicht mehr zu klagen über Mangel an Möglichkeiten, irgendetwas Gutes zu tun. Es gibt unter den Kameraden so viele Menschen, die Gutes brauchen und denen man helfen müßte. Aber dann darf es nicht so sein, daß man sich besser vorkommt und aus einem Gefühl sogenannter Überlegenheit großmütig etwas tut. Sondern man muß Kamerad sein mit all den Vor- und Nachteilen, mit all den guten und weniger guten Seiten und dann doch etwas tun können.
Ich freue mich, Liebste, daß ich Dir in diesem Zusammenhang von einem Glücksfall erzählen kann, an dem auch Du nicht unbeteiligt bist. Du hast mir die kleinen Hefte der Evangelien geschickt, wofür ich Dir nochmals herzlich danken muß. Erst - ich sage es frei heraus - habe ich gemeint, in dem drunter und drüber hier könnte ich garnichts rechtes damit anfangen, und sie haben dann eine Zeitlang unbenutzt in meiner Tasche gelegen. Und dann mußte ich so ganz allmählich erleben, daß ich innerlich garnicht recht zufrieden war, so wie ich es oben schon geschildert habe. Ich mußte vor dem dumpfen Dahinleben, zu dem es sich entwickeln konnte, acht geben. So habe ich mir denn doch an einigen Abenden, in meiner Ecke auf dem Wagen sitzend, die Kerze auf der Kiste, eines der Evangelien hervorgeholt. Es war das Evangelium des Apostels Matthäus, und ich kam so ganz ungewollt an die Bergpredigt. Diese Predigt hat der Herr ziemlich zu Anfang seines öffentlichen Wirkens an die damalige Bevölkerung gehalten. Damals war wohl das Volk, ähnlich wie heute durch die zahlreichen gegeneinan-
der stehenden geistigen Strömungen und durch die Unruhe der Zeit wohl ebenso oberflächlich geworden wie heute. Man wußte damals wie heute nicht recht, was nun eigentlich lebenswert sei und lebte, wenn man nicht von sich aus die Geheimnisse aufzustöbern suchte, in den Tag hinein. Da kam der große Meister, der ganz andere, der ganz neue Lehren gab. Und bei dieser Bergpredigt stellte er wie ein Programm das Gebäude seiner Lehre in praktischen Beispielen dar. Er gab sozusagen den Weg an, den man gehen mußte, wenn man zu ihm gelangen konnte. Kein philosophisches Lehrgebäude, das doch nur die geistige Führerschicht verstanden hätte, gab er, sondern ganz einfache Regeln und Vorschläge. Und diese Vorschläge gab er so, daß sie nicht nur für jene Zeit galten, sondern für alle kommenden Zeiten, besonders aber für eine Zeit wie die unsere. So habe auch ich denn begonnen, mich mit diesen Ratschlägen und praktischen Regeln auseinanderzusetzen, die wohl alte, aber zeitweise vergessene Bekannte waren. Ich habe
es mir so vorgestellt, als wenn heute diese Worte zu unserem Volke und damit auch zu mir gesprochen worden wären. Und wenn man da ein ganz klein wenig gerecht und gewissenhaft gegen sich selbst ist, dann merkt man schon, wo man anzusetzen hat. Und man kann überall, an allen Ecken und Kanten ansetzen. So will ich nun die gute Hand, die mir da gereicht wurde herzhaft anfassen und ich will zupacken und versuchen, ob ich nicht auch aus dem Soldatenleben hier in Frankreich etwas Gutes machen kann.
Marga, meine Liebste, so ist es nun, daß die Trennung und das Alleinsein doch mehr von uns fordert als wir je gedacht hätten. Es ist so, daß der Krieg allzu lange dauert. Und je länger er dauert, um so schwerer wird es für uns, sich in all dem was von uns verlangt wird, zurechtzufinden. Gewiß haben wir keinen Grund, mutlos zu sein, weil wir wissen, das überall Gott der Herr seine schützende Hand darüber hält. Aber wir wollen auch der Wirklichkeit ganz klar in die Augen schauen. Laßt uns darum eifrig sein und nicht verzagen und uns vorbereiten auf ein baldiges gemeinsames Leben
Dein August.