August Broil an seine Frau Marga, 27. Juli 1944
Frankreich, den 27.7.1944
Meine liebe Marga,
heute vor zwei Tagen war mein Geburtstag. Eigentlich wollte ich Dir am Tage selbst einen Brief schreiben, aber dann ist wieder der Aufbruch dazwischen gekommen mit seinem vielen Drunter und Drüber. Das ist zwar für uns etwas ganz Selbstverständliches und Gewohntes und hat mit dem Ständig-Neuen, das wir dabei zu sehen bekommen sein Schönes. Nur sind wir dabei immer an die äußeren Umstände gebunden und können uns wenig mit persönlichen Dingen befassen. - Aber wir können es doch, wenn wir wollen. Denn wenn wenn wir so durch die Landschaft fahren - auch in der Nacht - dann können wir soviel eigene Gedanken haben. Mir geht es dabei stets so, daß ich durch das Betrachten der Landschaft an so viel persönliche Dinge erinnert werde. Da kommen mir die Gedanken an die schöne heimatliche Landschaft, an all die schönen Erlebnisse, die wir beide zusammen und ich für mich darinnen hatten. Ach und diese Gedanken von unterwegs sind ganz schön; ich hänge ihnen so gerne nach. Gestern wieder, als ich auf irgendeinem Heuboden in den frühen Morgen-
stunden mich zur Ruhe legte, habe ich so an Dich gedacht, wie Du zu Hause vielleicht zur selben Stunde wachend in unserem Bette liegst und an mich denkst und darüber nachsinnst, was ich wohl jetzt tun mag. Es war die Nacht nach dem Geburtstag, und davon wollte ich Dir noch erzählen, wie mir Deine Briefe an diesem Tage besonders Freude gemacht haben. Morgens schon kamen sie an, gleich vier Stück und ein Brief von Bruno aus Rußland. Ach, Deine Briefe habe ich mit so sehnsuchtsvollen Augen gelesen, und sie sprachen mir an dem Tage noch mehr zum Herzen als sonst. Ein solcher Tag hat doch etwas besonderes an sich als die sonstigen Tage, auch hier draußen, und sie sollen mir auch hier draußen etwas Besonderes bedeuten. Eine schöne Zahl von Jahren hat mir der Herrgott in seiner Güte nun geschenkt. Ich durfte am Abend einmal kurz zurückblicken auf die verflossenen Jahre, in denen ich so viel Gutes erlebte, aber auch manche schwere, wenn nicht gar unschöne Stunde hatte. Nachträglich das alles einmal kurz zu überblicken ist aber schön, und vor allem ist es insgesamt doch alles gut gewesen. Dann kommen die Gedanken an das Neue Jahre und an das Leben, das uns noch geschenkt
sein wird. Herr, müssen wir im Herzen sprechen, laß uns die Gnade zukommen, daß wir immer weiter Deine Wege erkennen, wir wie wir jetzt alleine stehen und wie wir später in der Gemeinschaft zu Hause sein werden, im Kreise der Lieben und der Familie, die Du uns schenken wirst.
Liebste, wie oft muß ich jetzt in Deinen Briefen Worte lesen, die mir davon sagen, welch tiefgreifende Wandlungen die Liebe in Dir vollzogen hat. Du stellst den Gegensatz zwischen Deiner jetzigen und Deiner früheren Deckens- und Handelnsweise meinen Augen vor. Welch ungeheure, unvorstellbare Wandlungskraft hat doch die Liebe in sich. Dich hat sie - wie Du ganz richtig erkennst - von der Ich-Bezogenheit weg zum größeren Du gebracht. Aber nun darfst Du nicht sagen, daß mir das als Verdienst angerechnet werden kann. Ich bin ja nur das Werkzeug der Liebe wie Du es bist. Gewiß geben wir die ganze Kraft unserer Herzen her, legen all unser Tun hinein in die Wirkungen der Liebe. Aber wir sind frohe, glückliche Werkzeuge der Liebe. Denn die Liebe wohnt im Herzen Gottes und nimmt von Seinem Herzen aus Wohnung in unseren Herzen. Mit der Liebe geht die Wandlung des inneren Menschen Hand in
Hand. Und die Liebe muß wohl immer eine Wandlung der Herzen zum Höheren und Größeren bewirken. Wir dürfen es sonst nicht Liebe nennen. Und ich verstehe darum gut, warum Du schreibst, daß all das herrliche Fühlen und Erkennen, all das Hineinschauen in die Tiefe des Zugetanseins Dich glücklicher machen und tiefer anfassen als selbst das innigste physische Vereintsein. Letzter Sinn der Ehe ist ja die Erreichung der höchsten Stufe liebender Gemeinschaft, in die die körperliche Einheit in aller Ordnung einbezogen ist, nicht als Beitat, sondern wesentlicher Teil in der Ordnung.
Liebste, wie schön hast Du mir über den Tag Deines Namens geschrieben, den Du Dir im Alleinsein so fein gestaltet hast. Glaub' mir, Liebste, es ist schön, auch über die Trennung hinweg doch diese Tage gut und auch gemeinsam zu begehen. Zwar anders als wenn wir zusammen sind, aber doch in diesen Verhältnissen gut und schön. Und die Liebe, danach brauchen wir garnicht zu fragen, geht an solchen Tagen ganz besonders hin und her.
Ach und wie schön war der Tag, als Du zum ersten Mal Gäste in unserem Heim hattest.
Ich durfte zwar jetzt noch nicht dabei sein. Nur in Deinen Gedanken und wohl auch in den Gedanken der Gäste war ich mitten unter Euch. Alles was Du mir so Schönes erzählst, läßt mich ja mit Freuden an die Zukunft denken, die uns bei solchen festlichen Anlässen einmal alle vereint sehen wird. Größer wird dann die Freude sein und vollkommener.
Jetzt, da ich hier auf der Wiese sitze und schreibe geht ein kühler Sommerwind, wohl vom Meere her über das gesegnete und bedrohte Land. Wir sind seit zwei Tagen so weit zurück, daß wir die Front nicht mehr hören, sondern nur noch das Sausen des Windes in den hohen, schon fruchtschweren Obstbäumen. Wir fanden Kirschbäume, die noch Früchte trage und Pflaumenbäume, von denen wir die reifen Früchte schon abschütteln konnten. Etwas Obst tut so gut bei der einseitigen fleischreichen Kost. Manchmal, wenn lange Zeit kein Fliegergebrumm in der Luft war, möchte ich glauben, daß ich ganz langen Sommeraufenthalt auf dem Lande habe. Die Gedanken können zuweilen solch schöne Zusammenhänge herbeirufen. Aber das wird auch bald wieder Wirklichkeit
werden, und es wird so sein, daß Du dann bei mir sein wirst und unser Kindlein auch. Ach Liebste, wir wollen uns gemeinsam freuen auf alles, was uns kommen wird, auf das Schöne zwischen dem Schweren. So sei heute dieser Brief getragen von guten Hoffnungen; denn wir haben keinen Grund mutlos zu sein. Du Liebste, ich sende Dir meine innigen Grüße und Wünsche
Dein August.