August Broil an seine Frau Marga, 29. Juli 1944

Frankreich, den 29.7.1944

Meine liebe Marga,

Samstagabend, in den Ecken ist es schon schummerig grau, und bald wird schon die Nacht da sein. Für uns ist zwischen Tag und Nacht fast nur noch der Unterschied vom Hell zum Dunkel, denn wie oft muß die Nacht als Tag gelten und wie oft wird der Tag zur Nacht. Bei den meisten Kameraden ist es sogar die Regel so, während mir selbst zuweilen doch eine Reihe von Tagen und Nächten beschert wird. Es hängt mit der Art des Einsatzes zusammen. Die Fahrer und Beifahrer müssen ihre gefährliche Last im Schutze der Dunkelheit befördern, während meine Arbeit davon unabhängig ist. Nur wenn es wieder weiter geht, dann bin auch ich dabei oder wenn sonstige besondere Fahrten sind. Aber dieses ungeregelte Leben läßt uns eigentlich vom Zwang der Stunde ziemlich frei werden.

Sieh, Liebste, nun wollte ich in die Nacht hinein Dir diesen Brief zu Ende schreiben, weil ja Tag und Nacht keinen so großen Unterschied machen. Aber dann kam der

Chef auf unser Fahrzeug und hat noch lange mit uns erzählt, während draußen auf das Planendach des Wagens der Regen tropfte und drüberhin das starke Gebrumm der einzeln fliegenden deutschen Bomber ging, knapp über die Bäume hinweg. Und dann mußte ich Deinen Brief erst wieder zur Seite legen. Nun ist wieder Sonntag, ein grauer, regnerischer Sonntag. Ich will dann gleich wieder weiter schreiben. In einem alten, unbenutzten Klassenzimmer einer Volksschule habe ich sicher Ruhe vor unliebsamen Störungen. Vor mir stehen nun die Schulbänke und einige französische Schulbücher liegen auf dem Lehrerpult.

Aus meinem anfänglichen Sinnen weckte mich das Läuten des Glöckleins zur Messe. Der Gedanken zur Messe kommt mit und kann hier in dem Dorf verwirklicht werden. Unsere Einheit liegt allein in dem kleinen Dorf mit der ärmlichen einfachen Kirche. Wir können uns in dem Dorf bewegen, als wenn es unser eigenes Dorf wäre. Vor der Kirche, die ich mir diese Woche schon von außen betrachtete, steht eine Plastik an der Mauer, den Hl. Martinus darstellend,

wie er den Mantel teilt. Viele Orte im Umkreis tragen seinen Namen, unsere letzte Unterkunft hieß noch so. Als ich in die kleine Kirche trat, waren schon einige Kameraden vor mir da, vier Volksdeutsche, ein Süddeutscher und ein Rheinländer waren zusammen im Gotteshaus. (Die landschaftliche Zusammenstellung besagt viel über die Lage bei uns im Reich!) Es war eine ganz einfache Messe, ohne Predigt, ohne Vorlesung des Evangeliums. Sie wurde recht schnell heruntergelesen und von einem gemeinsamen Opfer mit dem Priester konnte man äußerlich nichts wahrnehmen. Ich hatte jedoch den Eindruck, daß auch im Innern keine gemeinsamen Fäden im Sinne der Opferfeier zum Altar und zum Volk liefen. Volk darf man nicht sagen, denn es war eine kleine Anzahl Menschen: Frauen, Mädchen, Greisinnen, alte Männer und wir. Wo waren die Männer? Ob die Männer in Frankreich nicht auch berufen sind, am Aufbau der wahren Opfergemeinschaft mit Christus mitzuwirken? Noch ist das Volk nicht aufgestanden und sein religiöses Leben ist wie bei uns zu Großvaters Zeiten.

Als ich da im Gotteshause stand und seit langem wieder das Glück hatte an der Eucharistiefeier teilzunehmen, da waren der Gedanken viele, die sich in mir meldeten. Fast entwöhnt, stand ich plötzlich wieder vor dem Altar, auf dem das tiefe Geheimnis unseres Glaubens auch unter diesen armen Verhältnissen Wirklichkeit wird. Es war mir schwer, die rechte Sammlung und Tiefe, wie ich es früher konnte, hier aufzubringen. Und ich mußte an Dich denken, wie Du an diesem Tage wieder mit Deinem ganzen Herzen mit mir zusammen vor dem Altare sein wirst. Da kam mir die Härte des Krieges so recht ins Bewußtsein. Wenn es auch für uns äußerlich leicht und gut ertragen ist; innerlich fordert er doch sehr viel von uns. Das wollen wir ehrlich einsehen. Und wir wollen auch ruhig und besonnen dieser Tatsache ins Angesicht schauen. Liebste, Du, es ist doch noch viel viel mehr, was die Heimat uns bewahren muß, als was man so allgemeinhin sagt und sieht. Und wir wollen ganz dankbar und beruhigt auf die Heimat blicken, daß sie es vermag, uns die inneren Werte zu bewahren, denen wir so stark entraten müssen, und daß sie uns immer

wenn wir zurückkommen, dahin führen kann, wo unser wahrer Platz ist in Heimat Familie und Volk.

Mit vielen Unterbrechungen schreibe ich jetzt gegen den Abend hin den Brief an Dich zu Ende. Er ging mir nicht so ganz leicht von der Hand, wohl weil der Gedanken zu viele waren und doch keiner richtig im Worte Gestalt gewinnen konnte. Auch jetzt bin ich noch garnicht damit zufrieden, weil ja wieder allzu viel Schweres für Dich darin ist. Und doch kann ich nie anders als so gut es mir möglich ist, Dir davon zu schreiben. Es ist nun einmal, und wir können sagen: zu unserem Glück und Heil, daß wir uns alles so sagen müssen. Sonst kann keine rechte Ruhe in uns sein. Mit dem Sagen allein ist es aber nicht genug. Wenn wir uns alles sagen müssen, dann ist das nur immer der Anfang des Tuns. Denn was wir uns sagen, verlangt stets ein Tun. Und dieses Tun, darum geht es uns. Wenn ich heute davon gesagt habe, daß die Härte des Krieges auf dem inneren Teil des Menschlichen am stärksten liegt, dann heißt das für uns beide, daß wir diesem Inneren des Menschen gerecht zu werden suchen, daß wir seinen Notwendigkeiten und Abhängigkeiten und auch seiner Begrenztheit

verständnisvoll in das tiefe Innere nachfolgen, um dort zu helfen und zu schützen. Alle geistige Erkenntnis oder praktische Erfahrung haben ja erst dann Sinn und Ziel, wenn sie ihre Auswirkung für das Leben beweisen.

Meine liebe Marga, laßt uns also die rechte Folgerung ziehen aus allem erzählten oder gar bekenntnishaft gesagten Erleben, aus allem Erfahren und aus allen Gedanken: Daß wir unser Inneres gegenseitig danach zu bilden und zu formen versuchen.

Du, meine Marga, so soll der Sonntag mit diesem Briefe und einem anschließenden kleinen Gang durch die abendlich friedlich gewordene Natur enden. Wenn der neue Morgen heraufkommt, bin ich sicher schon wieder auf der Fahrt.

So sei denn gut und froh und tapfer, Du und unser Kindlein, das ja mit jedem Tage dem Eintritt in unsere Welt näher kommt. Sag ihm immer wieder, wie sein Vater sich auf sein Kommen freut.

Dein August.