August Broil an seine Frau Marga, 3. August 1944

Frankreich, den 3. August 44.

Du, meine liebe Marga,

gestern mittag habe ich Dir schnell ein paar Zeilen geschrieben, die meiner augenblicklichen Freude über Deine Briefe und über Dich selbst ganz knapp Ausdruck verleihen sollten. Die Post hat den Brief hoffentlich sofort mitgenommen. Heute aber will ich Deinen Gedanken und Gefühlen, die Du so offen und froh in Deinen Briefen aussprichst, mich ganz hingeben und sie in meinem Herzen zu erwidern suchen. Denn das ist ja das Wichtigste, daß bei allem was wir tun und sagen die Fäden von Herz zu Herz laufen, von da und dahin, wo unser Glück und unser Schatz verborgen liegen. Und ich spüre an all Deinen Briefen, mögen sie schlicht und einfach sein oder mögen sie hohe Gedanken und Probleme behandeln, den Glanz dieses Schatzes so stark, daß ich jedesmal beim Lesen meine, es müßte heller um mich geworden sein, irgendein verborgener Schein -

ich weiß ja genau was es ist - müßte außen und innen mit einem wunderbaren Glanz einhüllen. Und je dunkler die Stunde sein mag, in die der Glanz einbricht, um so stärker ist sein Wirken. Wie ein kleines Licht in der Nacht ein großer König sein kann, so kann es am Tage in der hellen Sonne ein unscheinbarer Funke werden. Wenn ich es gut antreffe, dann mache ich es wie Du mit dem Lesen der Briefe: ich richte mir eine stille Stunde dafür her. Ich gehe dann auf einer unserer Obstwiesen an einen stillen Platz, möglichst wenn schon die Abenddämmerung da ist oder ich mache einen kleinen Gang über einen verschwiegenen, einsamen Weg oder ich sitze beim warmen Kerzenlicht auf dem Fahrzeug. So war es auch jetzt wieder mit Deinen Briefen „Du auserwählter ein'ger Trost” und „Dein will ich allzeit bleiben”. Die Sonne ging recht farbenprächtig in die Stille der Nacht hinein, das Käuzlein ließ seinen einsam und traurig klingenden Ruf erschallen, die Häslein sprangen zur Weide über

den Weg, im Dämmerlicht der Haselsträucher sich verbergend.

Wie doch die Worte des feinen alten Liedes all unser Fühlen und Denken in unserer Zeit in sich beschließen. Wie sie die aus der Trennung heraufbrechende Sehnsucht mit zarten Gefühlen nennen. Wie sie die ganze volle Hingabe, das bedingungslose Angehören an den geliebten Menschen ausdrücken. Es ist so recht ein Lied für uns beide und für all die vielen auch, die gleich uns in Trennung und Ferne füreinander leben. Es macht Dir oft Sorge, daß die Worte des Briefes die tiefen Gefühle garnicht wiedergeben können, weil sie halt zu unzulänglich sind. Und das ist auch wirklich so. Manchmal, wenn ich über etwas ganz besonders Schönes, Inneres geschrieben habe, dann meine ich, daß in den Worten etwas ganz Anderes steht als das, was ich fühle. Und doch, wenn ich diesen Gedanken tiefer nachgehe, dann ist es auch wieder gut, daß es nicht anders ist als so. Sieh, meine Liebste, die

Worte und die Briefe sind ja nur Brücken und Behelfe, auf denen das kostbare Gut unseres Innern den Weg über die Weite vom einen zum anderen nimmt. Sie sind der Bogenstrich, der der Saite die Melodie entlockt. Wenn der Bogenstrich der Worte die Saiten des Inneren zum Klingen bringt, dann sind die Worte nicht mehr arm und unzulänglich. Ich spüre es doch aus jedem Deiner Briefe, wenn Du erzählst, daß ein Brief von mir, von dem ich bestimmt weiß, wie arm er in den Worten sein muß, Dich so froh gemacht hat, daß Du zuweilen sogar hast weinen müssen vor Glück. Auch jetzt wieder kann ich es garnicht sagen, was da hin und hergeht, wenn ich Dir dieses schreibe. Ich weiß nur, daß aus der Tiefe des Herzens ein voller Strom von Liebe, von Gutsein und Glück in diese Feder und die Worte hineinfließt aus der Tiefe des Herzens, und ich weiß sicher, daß dieser Strom zu Dir hinüber-

fließt auf der Brücke der Worte, und daß der Bogenstrich dieser Worte Deine Tiefen erklingen lassen wird, Du liebe Marga! Gewalt über das Wort und die Gabe und Aufgabe, Letztes und Tiefstes durch es auszusagen haben ja nur wenige Erwählte. Aber die Gabe und Aufgabe, das Wort in sich aufzunehmen, wirken und in sich tief werden zu lassen hat wohl jeder Mensch. Wenn aber das liebende, aufgetane Herz das Wort erwartet, dann wird auch das ärmste Wort beglückende Verheißung.

Meine Liebste, es ist wohl wahr, daß Du mit den Gedanken über die volle Zugehörigkeit von Mann und Frau und den daraus sich ergebenden Folgerungen die tiefsten Seiten unserer Herzen berührst. Es sind Gedanken, die auch ich mir manchesmal gemacht habe und von denen ich Dir zuweilen schrieb. Am meisten beeindruckte mich in Deinen Worten die ganz klare und eindeutige Einstellung, daß das Einswerden in der Ehe

jetzt und immer den vollen Einsatz des ganzen Menschen mit Leib und Seele an den anderen und als Weiterführung dieses Gedankens die ganze Hingabe erfordert, wie das Leben sie bringt. Ach, und wie fein hast Du das gesagt, Liebste, indem Du den letzten Abschied am Osterfest in Beziehung setzt zu der dereinstigen Wiederkehr. Kann es eine schönere, klarere Auffassung von unserem gemeinsamen Leben geben! Weißt Du, Liebste, ich habe manchmal, aus der Erfahrung und Vergangenheit urteilend, Unsicherheit im Hinblick auf die Haltung in der Zukunft verspürt. Wir wollen auch keineswegs uns leichtfertig in Sicherheit wiegen. Wenn ich aber lese, wie positiv und klar Du die Zukunft und die daraus erwachsenden Aufgaben und Belastungen für das Leben unserer Gemeinsamkeit beurteilst, wie Du Dich ganz einfach den

kommenden Dingen aus der Tiefe des Glaubens und des rechten Vertrauens an und in die Ordnung des in Gott gelebten Lebens hingibst, dann darf auch mir um die Zukunft nicht bange werden, und ich muß die Sicherheit gewinnen, daß es unserem gemeinsamen Bemühen gelingen wird, in unserem Leben die gottgewollte Ordnung zu leben. Dazu wird es eines ganz tiefen Lebens aus der Fülle der Liebe, die so unerschöpflich ist, in allen Lagen bedürfen. Wir werden das Leben leben und werden eins sein in Ihm. So danke ich Dir ganz von Herzen, meine Liebste, daß Du mit aller Liebe und aller Sehnsucht und auch aller Wehmut diese tiefen Gedanken mir geschenkt hast. Ja, Du läßt mich damit sehr tief in Dein Inneres blicken.

Du, wie gut ist es doch, daß wir beide von unserer Liebe sagen dürfen: Es war alles so schön, der Herr hat alles zu unserem Besten gelenkt. Unser eigener Verdienst dabei war nur klein.

Wir können garnicht mit anderen Menschen vergleichen, denn jeder hat seinen Lebensweg auf seine ihm eigene Art. Wir dürfen glücklich und froh über unseren Weg sein. Und ich meinen immer, daß jedem Menschen soviel Gutes und Schweres auf seinen Weg gegeben wird, wie er braucht, um ein rechtes und gutes Leben zu führen. Wenn wir bis zu unserer vollen Gemeinsamkeit einen so froh beschwingten Weg gehen durften, dann wollen wir dankbar darauf zurückblicken. Aber wir wollen zugleich uns des Ernstes und der Schwere des Herzens stets bewußt bleiben, wie wir ihn noch zu führen haben und wie wir es gerade jetzt in unseren Briefen besprochen haben.

Wenn Du von den Veränderungen schreibst, die Dein Äußeres unter den Erlebnissen des Wachstums unseres Kindleins vornimmst, dann muß ich daran denken, wie schön es wäre, wenn auch ich das alles miterleben könnte.

Das Glück dieser tiefgehenden Wandlungen muß aus Deinem Antlitz leuchten, daß auch die anderen Menschen es bemerken. So erfüllt dieses Erleben Dein ganzes Wesen. Glücklich bin ich, wenn Du schreibst, wie gut Du alles trägst. Das tröstet mich über manche bange Sorge hinweg, darf aber nicht dazu Anlaß sein, daß Du mir nun nur gute Dinge schreibst.

Wenn Du nun körperlich so gut bestellt bist - von dem seelischen Glück ganz zu schweigen - so soll das kein Anlaß sein, leichtfertig zu sein und sich mehr zuzumuten als unbedingt notwendig ist. Du hast da eine sehr günstige Gelegenheit, in Marialinden unterzukommen. Und das ist ganz mein Wunsch, wie ich es auch in einem früheren Briefe schon gesagt habe. Bleibe so lange da wie es irgend möglich ist, denn die Ruhe und Ausgeglichenheit der schönen Landschaft wird Dir unter den Kriegsverhältnissen gut tun. Familie Over

wird sich ja sehr freuen, wenn sie Dir etwas Gutes tun kann, und Familie Gilliam wird Verständnis dafür haben. Fräulein Feuser ist doch sicher so weit, daß sie eine Zeitlang selbständig arbeiten kann. Du, ob diese Hoffnung allzu vermessen ist: Wie wäre das schön, wenn ich Dich da oben im Bergischen Lande, unserem schönen Lande, mit unserem Kindlein wiedersehen würde. Aber lassen wir Gottes Wirken geschehen, Er wird uns auch darin den rechten Zeitpunkt bestimmen.

An die von uns ausgesuchten Paten für unser Kindlein werde ich schreiben, Finni und Heinrich. Auch Bruno will ich davon schreiben, daß wir eigentlich ihn dazu ausersehen hatten, aber die Kriegsverhältnisse es nicht zulassen. Heinrich soll auch wissen, warum die Wahl auf ihn fiel.

Meine Liebste, die Zeit verfliegt hier draußen, von Woche zu Woche und von Monat zu Monat sind es immer nur kleine Sprünge. Nur noch wenige Wochen sind es bis zu Deiner großen Stunde, für die wir ganz besonders den Schutz und Segen des Herrn erflehen wollen. Er spendet das Leben, und wir wollen hoffen, daß es Sein Wille ist, dieses Leben zu Seiner Herrlichkeit in die Welt eintreten zu lassen. Laßt uns darum nun gemeinsam beten, über alle trennenden Räume hinweg, daß Sein Wille so geschehe, wie unsere Wünsche und Hoffnungen es für gut halten.

Ich bin in froher Erwartung mit Dir und allen Lieben und Freunden

Dein August