August Broil an seine Frau Marga, 11. August 1944

Frankreich den 11.8.44.

Meine liebe Marga,

heute will ich Dir von einem kleinen Erlebnis erzählen, das mir gestern abend wiederfuhr. Drei Kameraden machen ihren abendlichen Gang. Zwei davon sind erfahrene Bauern, der dritte ist ein wißbegieriger Städter, der aber für die Dinge wie sie in der Natur geschehen, ein offenes Herz hat. Wie immer bei solchen friedlichen Gängen muß das Gewehr dabei sein; denn Überraschungen sind, obwohl bisher noch nichts geschehen ist, stets zu erwarten. Prüfend gehen die Blicke der Bauern hierhin und dorthin. Reife Ähren lassen sie durch die Hände gleiten, ihre Fülle zu prüfen. Die Herden des Rindviehs rupfen ihre Abendmahlzeit, und schöne Pferde weiden friedlich mit ihnen. Es sind alles große und gesunde

Tiere, braun und weiß gescheckt mit prall gefüllten Eutern. Sie gehen in einen Hof zur Linken hinein, wo zahlreiche Flüchtlinge aus der Normandie Unterschlupf gefunden haben. Während die Häuser der normannischen Kleinbauern ganz ärmlich und klein aussehen - sie sind aus grauem Naturstein roh aufgebaut, machen mit ihren wenigen kleinen Fenstern meist einen düsteren unfreundlichen Eindruck - haben wohl reiche Vorfahren ein schönes großes Haus gebaut. Die Einwohner versicherten, daß dieses Haus schon 400 Jahre alt sei. Es war recht gut der barocke Baustil jener Zeit zu erkennen, da ja sonst in Frankreich kaum angewandt wurde. Auf dem Hofe war emsiges Leben; städtisch gekleidete Frauen und einfache Landleute lebten, durch die Kriegsverhältnisse gezwungen, einträchtig miteinander. Solche kleinen Gänge sollen immer

etwas einbringen, was zur Verbesserung des Lebensstandards führen kann. Zwischen die mit Mühe geführte Unterhaltung werden dann die Fragen nach Butter, Eiern oder Milch eingestreut. Hier aber waren zu viele, die vom Ertrag des Hofes leben mußten, und die Drei mußten zunächst einmal weiterziehen. Ganz geruhsam ohne viel Redens gingen sie ihren Weg an den Haselnußhecken entlang, hinter denen die fruchtbaren grünen Wiesen liegen. An der Einbiegung eines Hohlweges hörten sie ein tiefes und leises Brummen durch die Hecken dringen. Sachverständig meint der eine der Bauern, daß es ein Bulle sei. Die Neugier, sich ein solches Tier näher anzusehen und seine Heißblütigkeit zu prüfen ist bei den Bauern sehr verständlich, und der Städter will natürlich mit dabei sein. Als dann der eine durch eine Lücke in der Hecke genauer zusehen kann, tut er den erstaunten und freudigen Ausruf: „Seht die Kuh hat gerade ein Kalb bekommen.”

Die anderen beiden sehen nun auch in die Weide hinein. Und da steht die große schöne Kuh. Ganz in eine stille Ecke, weit weg von dem anderen Vieh, das drüben ruhig weiter weidet, hat sie sich zurückgezogen und wollte allein sein. Etwas erschreckt blickte sie die Neugierigen an, und das sonst so rauhe und laute Muhen der Kuh war so leise, fast zärtlich und sehr besorgt. Das Kalb laga noch zu ihren Füßen, und sie leckte es inständig mit ihrer feuchten Zunge. Die beiden Bauern erinnerten sich sofort ihrer Pflicht, daß hier Hilfe not tue. Der Besitzer der Kuh wird benachrichtigt. Und während der Zeit beobachtet der Städter ganz befangen und hingerissen, weil es ein so seltenes Ereignis für ihn ist, das wunderbare Spiel zwischen Mutter und Kind. Wie sie es immer wieder zärtlich leckt, wie es sich schon bald auf seine Beine erhebt, das erste Mal in dem jungen Leben noch ganz zitterig

und unsicher, wie es sich vertraulich und vertrauend gegen die Mutter lehnt und sofort zu suchen beginnt nach der ersten Nahrung; wie die Mutter mit geschickten Bewegungen ihm dabei hilft und dann ganz still verhält, als es gefunden hat. Und dazwischen immer das langgezogene, zärtliche Muh, ganz leise und sanft: Ein wunderbares, beglückendes Spiel guter Natürlichkeit. Nach einer Weile kommt dann der Bauer freudestrahlend an. Er besieht sich das junge Tier fachmännisch. Für ihn ist es wichtig, ob es ein Öchslein oder ein Mutterkalb geworden ist.

Bald schon greift der Mensch mit roher Hand in das liebe, natürliche Spiel ein, denn das Tier soll seinem Zwecke dienen. Wenn Kuh und Kalb sich erst ans saugen gewöhnen, dann wird sie sich bald nicht mehr melken lassen und es wird nicht saufen lernen. So muß der Bauer schon gleich das Kalb immer von seiner Mutter fernhalten, doch es

versucht immer von neuem, seinem Triebe zu folgen. Bis zum Eintreffen des Wagens, der das Kalb zum Hof bringen soll, ist noch eine Weile Zeit zum Plaudern. Was für den Städter ein so großes Schauspiel ist, ist für den Bauern etwas ganz Selbstverständliches. Das Gespräch geht darum nicht weiter auf dieses Ereignis ein, sondern befaßt sich bald mit den großen Ereignissen in der Welt, mit dem Krieg und seiner Not. Die Bevölkerung hat keinen leichten Stand in diesem Kriegsgebiet. Ständig muß sie gewärtig sein, daß sie Haus und Hof verliert und irgendwohin vertrieben wird. Was kann da viel Trost gegeben werden! Und das ist auch nicht so wichtig; denn der Bauer scheint die rechte Haltung zu haben, indem er den Satz ausspricht: „Subir le sort” - Das Schicksal ertragen. Er spricht von seinem Lande, wie es vor dem Kriege war, wie sie von überall her und überallhin das wertvolle normannische Vieh, wohl das beste der Welt,

verhandelten. Er spricht von dem Leben in der Republik, das wohl Freiheit gab, aber schließlich zu frei wurde - Er ist ja an seine Erde gebunden und mit ihr verwachsen, und für ihn liegt die Freiheit doch nur in dieser Verbundenheit mit der Erde. Viel habe das Volk in den Städten mit der vermeintlichen Freiheit geschadet, die schließlich zu Haß und Hader geführt habe. Seine Meinung gipfelt in dem Satz: Il faut un chef - Ein starkes Oberhaupt muß sein. Das Heranpoltern des Pferdegespanns mache dem Gespräch ein Ende. Nun muß das Kalb von der Mutter getrennt werden. Auf einer Streu von Heu wird es hingelagert. Traurig und ängstlich guckt die Kuh hinterher, und läuft, als der Wagen sich in Bewegung setzt, besorgt hintendrein. Die drei Soldaten fahren hoch auf dem Wagen mit ihrem Fund in den Hof mit ein. Dort wird das Kalb in den Stall geschoben und die Kuh auf die Seite gebracht, um ihr bei der Beendigung der Geburt zu helfen. Die drei Soldaten werden zu einer Tasse

Kaffee mit Calvados eingeladen, worin sie gern einwilligen; Weigerung wäre Beleidigung gewesen. Sie sitzen in der Dämmerung in der Stube, deren riesige Tafel schon zum Nachtmahl gedeckt ist. Ihren Kameraden erzählen sie nach der Rückkunft hocherfreut von ihrem Erlebnis.

Meine Liebste, so habe ich Dir das geschildert, wie ich es miterlebt habe, und ich hatte dabei so viele schöne und gute Gedanken an Dich und an unser Kindlein. Ach ihr beide bereitet mir ja immer so viel Gutes, obwohl ihr so ferne seid.

Es grüßt Euch ganz herzlich und denkt an Euch

Euer August