August Broil an seine Frau Marga, 28. August 1944
Frankreich, den 28. August 1944.
Meine liebe Marga,
am heutigen Tage, ich weiß es allzu gut, wirst Du ganz besonders an mich denken und mit Deinen Gebeten den Schutz des hl. Augustinus für mich erflehen, dessen Fest die Kirche heute feiert. Irgend ein feierliches Begehen dieses Tages ist mir garnicht möglich. Als ich heute mittag mit dem Fahrrad über einige km des Landes fuhr, da mußte ich einmal ganz stark an den Tag, an uns beide und unser Kindlein denken. Wie würdest Du mit Freude und lieber Hand den Tag gestalten, auch sicher jetzt, wo ich nicht bei Dir sein kann. Wie ein warmer, rieselnder Schauer gingen mir diese Gedanken durch das Innere. Ja und dann mußte es wieder weiter gehen den Dienstgeschäften nach.
Wie wenig Zeit und Gelegenheit hatte ich doch in den letzten Tagen und Wochen in Brief oder Gedanken bei Dir zu sein. So stark zog uns der Krieg in seine Gewalt, daß er uns nur gelegentlich einen Blick frei gab für die Lieben daheim, der darum aber umso mehr beglücken konnte. Wenn in dunkler sternenklarer Nacht die Fahrzeuge in endlosen Kolonnen in den verstopften Straßen standen und nicht vor noch zurück wußten, dann war manchmal Zeit zu einem Blick nach oben zu dem Sternenzelt, das sich in gleicher Weise über die Heimat wölbte. Ach, was mochte zu Hause geschehen in diesen Tagen? Aber dann riß einen wieder das aufgeregte Rufen der Beifahrer, die ihre Fahrer in dem Wirrwarr einzuweisen versuchten, in die Wirklichkeit zurück. Dann ging nach stundenlangem, verzweifelten Warten die Fahrt wieder ein kleines Stück weiter. Man stand auf dem Trittbrett des Wagens und suchte mit weitaufgerissenen Augen die Finsternis zu durch-
dringen, ständig auf der Wacht, ob nicht plötzlich der Schatten eines Fahrzeugwraks drohend aus dem Dunkel aufstieg. Über die Straßen weg flitzten die Nachtjäger und suchten irgendwo einen Lichtpunkt zu erspähen, in den sie ihre Tod und Vernichtung bringenden Feuergarben hineinsenden wollten. Erlösend war das fahle Grau des Morgens, das den Tag und doch auch wieder seine größeren Gefahren aus der Luft brachte. Dann hieß es im rechten Augenblick einen schützenden Wald, eine Hecke, eine Obstwiese finden, um dort unterzuziehen. Aber der Feind ließ keine Ruhe, von überallher versuchte er zu drängen. Mit ungeheurer Mühe und viel Aufopferung hatten wir schließlich unsere Fahrzeuge in die Nähe der Seine gebracht. Da ereilte uns dann das Geschick, daß wir durch einen plötzlichen Zugriff des Feindes unsere Fahrzeuge mit all unserer Habe verloren. Wie glücklich und dankbar können wir sein, daß wir alle dem Feinde entkommen konnten, und dann unseren Weg mit der wenigen Habe, die wir auf dem Leibe trugen, zu Fuß fortsetzen konnten. Und wenn wir auch anfangs unseren schönen Fahrzeugen nachtrauerten, die der Feind uns genommen hatte, so mußten wir doch nachher einsehen, daß dieses Schicksal noch das beste war; denn über die Seine hätten wir sie wohl kaum gebracht, wohl aber dem ständigen Bombardement ausgesetzt, das zwei Tage später einsetzte, als der gütige, strömende Regen, durch den unser Fußweg an den anderen Kolonnen entlangging, aufhörte. So erreichten wir frei und unbeschwert im Schutze des Regens das jenseitige Ufer der Seine. Wie atmeten wir auf; beglückt trotz aller Erschöpfung, Näße und Müdigkeit. Ich weiß nicht, womit wir dieses glückliche Geschick verdient haben. Vielen Kameraden, die am späteren Tage die Fahrzeuge über die Seine führen sollten, ereilte das Schicksal, daß sie Leben oder Gesundheit lassen mußten. Nun stellen wir uns alle die große Frage, was geschieht jetzt weiter? Werden unsere
tapferen und vielgepriesenen Truppen aus dem Kampfe gezogen und durch neue Truppen abgelöst oder geht der Kampf für sie weiter? Das Letztere scheint sich zu verwirklichen. Jetzt heißt es allerdings nach der einmal empfangenen Lehre auf der Hut sein; denn keiner der einmal glücklich erretteten möchte beim nächsten Mal dabei sein.
In diesen letzten Tagen ist es so gewesen, daß jeder Soldat unter dem Eindruck des Erlebten der Meinung ist, daß in dieser Art der Krieg nicht weiter gehen könne, weil wir von allen Seiten der Heimat immer näher rücken. Es ist ein furchtbares Gefühl, zu wissen, daß jeder Boden, den wir infolge der Übermacht nicht mehr halten können, den Feind näher an unsere Heimat heranläßt, die ohnehin schon genug vom Kriege gespürt hat. In diesen ausweglosen Tagen sind wir mehr denn je darauf angewiesen, das auf uns zu nehmen, was das Schicksal für uns bereit hält. Der Ausgang des Krieges soll uns innerlich nicht unvorbereitet
finden. Wir haben ja schon häufig darüber gesprochen, daß es verfehlt sei, blindlings zu glauben, sondern, daß wir den Tatsachen und Gegebenheiten wie überall in der Welt offen und bewußt entgegensehen. Das ist kein schlechtes Denken oder ein Heraufbeschwören des Chaos, sondern eine rein vernünftige Angelegenheit, die gerade den rechten Glauben auf die Probe stellt.
Meine Liebste, wir hatten dieser Tage nach langer Zeit das Glück, Nachricht aus der Heimat zu bekommen. Auch von Dir war ein Brief dabei, den Du am Feste Mariä Himmelfahrt geschrieben hast. Diese kurzen Zeilen haben mir nach der langen Wartezeit sehr viel bedeutet. Wenn ich nur wüßte, ob auch von mir irgendwelche Nachrichten zu Dir kommen, denn ich weiß doch wie sehnlich Du wartest, und wie Du das auch in Deinem Briefe schreibst. Ja, Liebste, die Sehnsucht ist sehr groß und schön, wenn auch das Leben hier hart und rauh ist. Und unser Kindlein macht sie gewiß noch immer größer. So laßt uns diese Sehnsucht als Unterpfand unserer Liebe recht bewahren.
Alles Gute und meine Liebe sei mit Dir
Dein August