Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 25. Juni 1938
Essen-Steele, den 25.VI.38.
Liebe Mutter!
Gestern war ich in „Manuel“. Ein Film, deren es wenige gibt. Ein verwöhnter Millionärssohn fällt von Bord eines Dampfers und wird von einem Seemann gerettet. Manuel, so heißt dieser Portugiese, macht aus dem herrischen Bengel einen tapferen Jungen. Er wird bald mit ihm Freund. Manuel erzählt dem jungen Harvey vom Schutzengel, vom Heiland (der der beste Fischer der Welt sei; der zweitbeste sei sein ertrunkener Vater gewesen.), vom Himmel. Der Film zeigt prächtige Aufnahmen, die auf hoher See auf einem Fischkutter gemacht wurden. Prächtig diese herben Seebären, dieser Kapitän, rauh, aber herzlich! Über allem aber steht die straffe Gestalt Manuels, dieses kernigen, frohen Menschen, der von einem tiefen Glauben beseelt ist. – „Die Wacht“ schrieb über den Film: „Der Film ist ein Männerfilm. Frauen treten in ihm nicht auf; man sieht also keine Liebesgeschichten. Das verspricht im allgemeinen – wie man weiß – keinen Kassenerfolg. Daß er trotzdem in deutschen Lichtspielhäusern läuft, freut uns.“ –
Morgen kommt Ferdi. – Dienstag gehe ich mit der Schule zur Reichsgartenschau. –
Ich habe eine Lateinarbeit wiederbekommen: 3+. –
Ich wünsche, daß Du in Ruhpolding bessere Verpflegung hast, damit Du nicht ganz abgemagert nach Haus kommst.
Kuß und Gruß
Gisbert