Deutschaufsatz Gisbert Kranz, 6. Oktober 1938
Gisbert Kranz 8 a.
6.X.38.
Wo komme ich her, wo gehe ich hin?
Anmaßend und falsch wäre es, wenn ein Siebzehnjähriger glaubt, wie ein Greis seine Memoiren ein in sich abgeschlossenes Bild seines Lebens niederschreiben zu können; denn der größte Teil seines Daseins liegt ja noch vor ihm. Wenn ein junger Mensch, der ins Leben treten will und gleichsam an einer Wegescheide steht, auf die vergangenen Jahre zurückblickt, so kann eine solche Rückschau nur den Sinn haben, zu einer richtigen Wahl des Weges in die Zukunft zu verhelfen. Ein solcher „Lebenslauf“ ist also mehr Ausschau als Rückschau. –
Am 9. Februar 1921 – mitten in den Wirren der Nachkriegszeit – wurde ich in Essen als der erste Sohn des Kaufmanns Gisbert Kranz geboren. Das Erbe meines cholerischen Vaters vereinigte sich in mir mit dem meiner melancholischen Mutter zu einer „seltenen Mischung“. Trotzdem ich anfangs ein so erbärmliches Würmchen war, daß alle glaubten, ich würde nur wenige Tage
leben, wuchs ich doch unter sorgfältiger Pflege auf. Ich blieb jedoch körperlich ein Schwächling. Vielleicht ist das zuviel gesagt, aber in Turnen und Leichtathletik bleibe ich oft hinter den Leistungen meiner Altersgenossen zurück. –
In den nächsten Jahren bekam ich nacheinander drei Brüder. So waren wir zu vier Jungen (ein Mädchen fehlte), die sich ebenso gut vertragen wie zanken konnten. –
Ostern 1926 {? 7} kam ich in die Schule, ein großes Ereignis, denn nun lernte ich die Pflicht kennen. Dann folgten die Jahre auf dem Gymnasium, deren ich mich in meinem späteren Leben immer gern erinnern werde. Manchen lieben Kameraden lernte ich kennen. Meine Lieblingsfächer waren Erdkunde, Geschichte, Deutsch und Zeichnen. Ich zeichnete gern und interessierte mich sehr für Kunst. Auf meinen Ferienfahrten durch die Eifel, zur Nordsee, zum Schwarzwald und Bodensee, nach Tirol und Salzburg vergaß ich nie, die vielen herrlichen Bauwerke der deutschen Städte und die Schätze in den Gemäldegalerien zu betrachten. – Ein Musikinstrument
zu spielen habe ich leider nicht gelernt. Meine Freizeit verbrachte ich zum größten Teil mit Lesen und Basteln. Im Sommer ging ich oft und gern zur Ruhr schwimmen. Ich beschäftigte mich auch viel mit Familienkunde. So sammelte ich zum Beispiel Akten, Urkunden, Totenzettel, Briefe, Bilder, Fotos und ähnliche Dinge, die ich in einem Familienarchiv, das heute fast 2000 Nummern umfaßt, zusammenstellte. –
Als katholischer Christ lebte ich immer mit der Kirche. Mein Lebensziel heißt: Gott und den Menschen dienen. Die letzte Erfüllung dieser Aufgabe sehe ich im Priestertum. Deshalb habe ich mich zum Studium der Katholischen Theologie entschlossen. –
Ich hoffe, daß sich mit Gottes Hilfe durch meinen Willen die unschönen Ecken meiner Temparamente bis zu meiner Vollendung abstoßen werden. Wenn ich einst so geläutert bin, und wenn ich sagen kann: ich habe die Pflichten gegen Gott und Vaterland ganz erfüllt, dann hat mein Dasein einen Zweck gehabt, dann habe ich das Ziel meines Lebens erreicht. –
Befriedigend