Gisbert Kranz an Bruder Karl-Heinz, 1. Mai 1939

Biesdorf, den 1. Mai 1939.

Lieber Karlheinz!

Heute bin ich ungefähr allein auf unsrer Stube, und da habe ich Zeit und Ruhe genug, Dir einen Brief zu schreiben. Da heute Feiertag ist, sind die meisten ausgegangen. Ich war gestern schon ’raus, und zwar habe ich Pater Tries besucht, bei ihm Kaffee getrunken und nachher zu Abend gegessen. Im Kloster ist eine große Bibliothek, die ich benutzen darf. – Heute will ich die freie Zeit benutzen, die vielen Briefe beantworten, die ich in den letzten Tagen bekommen habe.

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Nun ist der erste Monat meiner Dienstzeit schon um. Und bald werde ich wieder zu Hause sein, mit Dir paddeln, in meinem neuen Zimmer schlafen – ah, wie ich mich darauf freue! Und dann kann ich mich ausschlafen, ich brauche eine Woche lang nicht mehr zu rennen und zu schreien, auf Flötenzeichen zu horchen und „Jawoll, Truppführer!“ brüllen. Man ist dann doch froh, wenn man mal Ferien von strammem Dienst hat. Nicht als ob nur der Kram hier nicht gefällt. Im Gegenteil macht es mir Spaß. Schlaf haben wir ausreichend: Abends gewöhnlich 9 Uhr Zapfenstreich, morgens 5 Uhr Wecker, Sonntags um ½ 8 Uhr Wecken und 10 oder 12 Uhr Zapfenstreich, manchmal mittags eine Stunde Bettruhe. Aber man ist trotzdem furchtbar müde

und oft versucht, beim Dienstunterricht einzuschlafen. Sobald man jedenfalls abends in der Horizontalen liegt, ist man sofort im „Jenseits“.

Ich habe ganz vergessen, mich für Deinen langen Brief zu bedanken. Ich brauche Dir nicht zu versichern, daß ich mich darüber sehr gefreut habe; „gelangweilt“ hast mich damit keineswegs und mir auch nicht „die Zeit gestohlen“. Ich freue mich über alles was Ihr mir schreibt. Auf den Stil achte ich allerdings sehr, denn im Briefschreiben offenbart sich der Charakter eines Menschen. Aber Deine frische Art, mit der Du mir von Deiner Fahrt erzählt hast, gefiel mir gut. Große Fehler habe ich nicht gefunden; die dürfen bei Dir auch nicht mehr vorkommen, auch wenn Du etwas schreibst, was nicht für die Schule ist und zensiert wird. –

Daß Ihr Euch in Münster gelangweilt habt, verstehe ich nicht; da gibt’s doch soviel zu sehen, und Ihr habt bestimmt nicht alles gesehen. Das Weserbergland scheint Dir ja gut gefallen zu haben. Wart Ihr auch in Minden, habt Ihr dort den Dom und die Überführung des Mittellandkanals über die Weser gesehen? Wart Ihr in Korvey? Die Herbergseltern in Höxter kenne ich. 1933 hatten wir von Gehrden aus eine Fahrt nach H. gemacht und in der DJH zu Mittag gegessen. Schade, daß Ihr von dem herrlichen Soest nicht viel gehabt hat. Die Episode von Werl hat mir Spaß gemacht. Ihr seid doch Kerle! Daß Ihr Euch bei dem Regen auf der Rückfahrt nicht erkältet hat, lag an

Eurer guten Laune, die einen über alle Schwierigkeiten hinwegbringt. So ist das auch hier im AD. Man möchte manchmal schreien: „Scheiße!“ Und alle Klamotten hinschmeißen! Aber das hat doch keinen Zweck. Es ändert nichts an der Sache, nur mit Humor und einem dicken Fell kommt man über solche kritischen Stunden hinweg. Nachher vergißt man das Unangenehme und behält nur noch die angenehmen Stunden in der Erinnerung. So ist das immer. Dann sagt man: „Schön war’s doch!“ So war es auch auf Eurer Fahrt. Trotz Gegenwind, Regen und Fehlen eines „vergnügten“ Tages: Schön war es doch! Da brauchst Du Dich garnicht „schwarz zu ärgern“. Ich hoffe (wenn es wahr wäre, würde ich froh sein), daß Dir diese Fahrt nicht nur das Schöne, was Du gesehen und erlebt hast, gab, sondern darüber hinaus der Anfang einer neuen Freundschaft war. Hans ist ein feiner Kerl (von einigen Fehlern, die jeder hat, abgesehen), der jetzt in den Reifejahren unbedingt einen halt an einen älteren Jungen haben muß. Seine Mutter Berta meinte, seitdem die Gemeinschaft der Junggr. nicht mehr bestehe, fehle dem Jungen etwas. Deshalb wäre ich froh, wenn Ihr beide, Du und Hans, auch in Zukunft zusammenhaltet, Euch besucht, miteinander paddelt (wie Ihr es schon getan habt) usw. –

Laß wieder von Dir hören! Grüße Hans Ey., die Jungen der Ogr. und die übrigen Bekannten und Freunde, ebenso Anna (Hausangestellte) und das Ladenpersonal von mir. Wenn

Du Vic. Kruse und Vic. Schöllgen triffst, grüße Sie natürlich auch. Überhaupt beauftrage und ermächtige ich Dich, jeden Bekannten, den Du triffst, von mir zu grüßen.

Vale (tantum Latinae linguae potes!)

Tuus Gisbert