Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 14. Mai 1939
(Biesdorf) Neuerburg, den 14. Mai 1939.
Meine liebe Mutter!
Heute, wo man überall in deutschen Landen die Mutter ehrt, wenden sich auch meine Gedanken voll Liebe und Dankbarkeit zu Dir. Ich kann es nicht in Worte fassen, was mein Herz jetzt bewegt. 18 Jahre lang hast Du für mich gesorgt, und heute, wo ich aus dem Elternhause getreten bin ins Leben, wo ich nur noch in Ferien nach Hause komme, wo Du für die übrige Zeit von dem Sorgenkind befreit bist, sorgst Du immer noch für mich, Deinen Ältesten. Deine Briefe und Pakete sind mir Zeichen dieser Deiner sorgenden Liebe. Für alles sage ich Dir Dank. Den Lohn wird Dir ein Anderer, Mächtigerer auszahlen. Dieser Dankesgruß wird Dich später erreichen als er eigentlich sollte; doch wenn Du diesen Brief in Deinen abgearbeiteten Händen hältst, weißt Du, daß ich an Dich dachte. –
Diesen Brief schreibe ich hoch oben auf der Neuerburg. Unter mir die Blütenpracht des Eifelfrühlings, über mir strahlende Sonne. – Ich habe mir einen Urlaubsschein für den ganzen Sonntag geholt. Bei dieser Gelegenheit hatte ich mit dem Oberst eine lange Auseinandersetzung über religiös-weltanschauliche Fragen auf seinem Zimmer unter vier Augen, die eine gute Stunde währte. Darüber erzähle ich Dir noch. Auf der Baustelle komme ich jetzt öfters mit dem Obertruppführer (der ein feiner Kerl ist, 35 Jahr alt) in Diskuss-
ionen, die von den andern Arbeitsmännern mit Interesse angehört werden. – Also, jedenfalls ließ ich mich heute morgen um 6 Uhr von der Wache wecken, als alle andern noch schliefen, und verließ ¼ 7 das Lager. Ich ging dann zunächst (seit drei Wochen zum ersten Mal) zum hl. Opfer, wo ich Deiner gedachte. Dann frühstückte ich im Kloster und fuhr gegen 9 Uhr ab mit einem Fahrrad, das mir der W.H. Rektor zur Verfügung gestellt hat. (Die Patres sind sehr freundlich zu mir; ich kann kommen, wann ich will; alles steht mir zur Verfügung: Bücher usw. Jeder Wunsch wird mir erfüllt). Das Wetter ist herrlich. In Neuerburg angekommen, besuchte ich Tante Anna. Sie sorgte in liebevoller Weise für mich, machte mir ein Mittagessen, gab mir Kuchen in Fülle und war freundlich wie immer. Auf der Burg ist jetzt ein Gemeinschaftslager der DAF (West-Arbeiter), wie im Kloster in Biesdorf. Mein Rad habe ich im Krankenhaus bei den Schwestern untergestellt. Heute Abend werde ich wieder im Kloster essen. So erlebe ich heute einen ruhigen, schönen Sonntag, der einmal ganz frei ist von allem Dienst. – Ich danke Dir für Deinen letzten Brief. Die ankommende Post wird nicht kontrolliert, höchstens mal ab und zu Postkarten. Die Briefe sind immer verschlossen. Wenn Karlheinz von ND schreibt oder sonst etwas, das für die Augen des Lagerführers nicht bestimmt ist, - man kann nicht wissen – kann er ja statt zur RAD-Abt. an das Kloster adressieren und zwar so: „Herrn Gisbert (Kranz auslassen, als wenn Gisbert Familienname wäre), St. Josefs-Missionshaus, Biesdorf (Eifel).“
Als Absender in diesem Falle nur Ort und Straße angeben (keine Geschäftsumschläge!). – Für Karls Fahrtenbericht und Schilderung der Kirmes besten Dank. Er soll die ganze OG und alle, die ihn auf der Straße um meinetwillen „anrempeln“, herzl. von mir grüßen. Für die Grüße von Hans Etting, Alois Herm. besten Dank. Hans Eytinz schrieb mir neulich eine Karte. –
Unser Pfingsturlaub steht jetzt fest: Vom 23. bis 31. Mai einschließlich! Neun Tage! Vielleicht bin ich mittags schon dort. Wir fahren im Sammeltransport wie auf der Hinreise. Ich könnt Euch denken, wie ich mich freue! Noch eine Woche, dann bin ich wieder daheim. Karlheinz soll mit den Jungen der OG einen Tag ausmachen, an dem wir uns treffen. – Bis auf ein frohes Wiedersehen grüßt Dich, liebe Mutter, und Vater und Karlheinz
Dein Gisbert.
PS. Geld braucht Ihr mir nicht zu schicken. Für die Bahnfahrt habe ich genug. Doch bitte ich Euch, die „Neue Saat“ zu bezahlen (siehe anliegenden Brief!). Ich habe schon zwei Nummern bekommen; die Zeitschrift gefällt mir außerordentlich gut. Ich werde sie Euch bald schicken, da ich sie wegen des großen Formats (Kunstdruckpapier!) nicht so mit nach Hause nehmen kann. –
Anbei 4 Fotos von der Vereidigung. Mündl. Kommentar zu Hause!
Es grüßt Euch
Euer G.