Gisbert Kranz an seine Eltern, 21. Mai 1939

Bonn, den 21.V.1940.

Liebe Eltern!

Für alles Schöne, was Ihr mir in den Ferien geboten habt, sage ich Euch nochmals herzlichen Dank.

Ich bin mit fünf andern Kommilitonen nach Bonn gefahren. Es war tatsächlich der einzige Zug, der von Essen ab nach Köln fuhr, abgesehen von dem Zug 17.15, der zu spät ist. – So war ich schon gegen 10 Uhr in Bonn. Nach dem ich gut und billig zu Mittag gegessen habe, bin ich mit dem Rad nach Zülpich gefahren (80 km), wo ich alte Erinnerungen auffrischte.

Die letzte Nacht verging ohne Alarm. Doch waren schon mehrmals feindl. Flieger über Bonn. Einige zerstörte Häuser zeugen davon.

Für Karlheinz liegen Schecks bei. Von Zeit zu Zeit bekommt er mal einen Schwung von mir geschickt, aber nur unter der Bedingung, daß er mir die „Weltwarte“ verwahrt; ich bin nämlich hinter den Bildern her wie der Teufel hinter einer armen Seele. – Zigaretten gibts hier noch genug, auch Astra u. R6. Die Ansteherei, wie ich sie in Steele beobachtet habe, gibts hier in Bonn nicht. –

 

Die Soldaten haben unser Haus verlassen, das jetzt viel ruhiger geworden ist. So haben wir das Reich allein. Eingezogen wurde von uns bis jetzt seit dem 30.IV. keiner mehr.

Es grüßt Euch und meine Brüder herzlich

Euer Gisbert