Gisbert Kranz an seinen Vater Gisbert und Bruder Karl-Heinz, 9. Juni 1939

Biesdorf, den 9.VI.39.

Lieber Vater, lieber Karlheinz!

Gestern hatte ich einen feinen Tag. Wir hatten Dienstfrei und Ausgang wie an Sonntagen, was mich sehr verwundert hat. Ich bin morgens sogar mit einem meiner Freunde zur Messe gegangen. Am Nachmittag machte ich mit zwei Freunden einen kleinen Spaziergang; danach besuchten wir unsere Bekannten im Kloster. Wir hatten dort Kaffee getrunken und am Abendessen teilgenommen. Es war ein feiner Nachmittag. Wir plauderten gemütlich zusammen; nachher spielte P. Biermann Geige und mein Freund Deuter Klavier. Abends habe ich noch einige Bücher gelesen, u. a. Emil Fiedlers Buch: „Defensive oder Offensive? Eine Trilogie [3. Bd.: Kathol. Aktion]. Es ist eindringlich und klar geschrieben, so richtig in unsere Zeit passend. Karlheinz soll es sich mal irgendwoher leihen (von Kruse oder Schöllgen), oder einer der OG. soll es sich besorgen, wenn er das kann, und dann lese einer von Euch aus diesem Werk in Eurer Runde

vor. Mir hat es neuen Mut und ungleich neues Verantwortungsbewußtsein gegeben. –

Als gestern abend ein Gewitter sich über uns entlud, waren wir nach vielen Tagen übergroßer Hitze froh, daß auf diese Weise die Luft abgekühlt und gereinigt wurde. Wir hatten dieser Tage geschwitzt wie nie zuvor. P. Biermann sagte mir, Mittwoch morgens um 10 Uhr habe er bereits 45° im Freien gemessen; das sei eine Temperatur, die in der Eifel selten vorkommt. –

Schickt meine Briefe bitte Mutter nach Borkum nach, damit ich nicht alles doppelt zu schreiben brauche. Sie sei herzlich gegrüßt von mir. –

Für Karlheinz lege ich einige Reemtsma-Schecks bei. –

Mit dem nächsten Paket schickt mir bitte: Staubtuch, Stahlwolle (zum Putzen), 2 Schlüsselringe, Fingerhut. Es eilt nicht; Ihr könnt es mir mit dem nächsten Wäschepaket schicken.

Für heute grüßt Euch Euer

Gisbert