Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 26. Juni 1939
Biesdorf, den 26.VI.39.
Meine liebe Mutter!
Du hast mir eine große Freude mit dem Paket gemacht. Ich danke Dir vielmals dafür, ebenso für den langen Brief. Während ich diesen Brief schreibe, futtere ich genießerisch Deine Schokolade. Du wird jetzt gerade zu Hause angekommen sein, von Vater und Karlheinz froh empfangen. Ich möchte dabei sein, um zu sehen, wie braun Du geworden bist; ich glaube, daß ich den Wettbewerb mit Dir aushalte, denn ich bin auch tüchtig braun geworden. Wenn Vater von seiner Seefahrt heimkehrt, haben wir lauter Neger in der Familie. –
Nochmals: Das Erfrischungspaket war eine Überraschung für mich. Freilich ist die große Hitze vorbei. Die letzten Tage regnet es stark. Samstag sind wir schon um 9 Uhr von der Baustelle wegen des Unwetters zurückgefahren ins Lager. – Geld braucht Ihr mir nicht zu schicken; ich habe ja viel an den Fotos verdient. Erfrischungen, wie Sprudel, Drops, Scho-
kolade usw., hole ich mir in der Kantine oft genug. Obst kann ich hier freilich nicht kaufen; Biesdorf ist ja keine Stadt mit Feinkost- und Südfrüchte-Läden und das Obst auf den Bäumen ist auch noch nicht reif. Aber unsere Baustelle liegt mitten im Wald, und dort wachsen unzählige Heidelbeeren. Sehr günstig, nicht wahr? –
Sonntag vor acht Tagen war ja die Fahrt nach Bitburg. Seit Fronleichnam bin ich nicht mehr zur Messe gekommen, trotzdem ich alles versucht hatte; hierbei ist es dann einmal sehr heftig zugegangen. Das und meine Standhaftigkeit wird wohl der tiefere Grund gewesen sein, daß ich an der Bitburgfahrt, auf die ich mich schon so lange gefreut hatte (die Fahrt kostete übrigens nichts!), nicht teilnehmen durfte. Der Anlaß war eine Kleinigkeit bei der Stubenabnahme (ich mußte am Samstagabend die Stube abmelden; das Bändchen am Besen fehlte.). – Ich habe trotzdem den Mut nicht sinken lassen und habe mir in der Abteilung einen feinen Sonntag gemacht. Ich muß noch bemerken, daß mein Zugführer (Obertruppführer) – freilich vergeblich – beim Führer v. D. (Unterfeldmeister)
versucht hatte, daß ich doch noch mitfuhr. – Gestern hatte ich seit 14 Tagen wieder Urlaub. Ich war wieder bei meinen Bekannten zu Besuch.
Gestern hatte ich eine lange Diskussion mit zwei Truppführern. Zugrunde lag das Buch von Wolff: „Geschichte der Jesuiten“, eine üble Tendenzschrift, die mir der eine Tf. geliehen hatte. Die Bücher, die ich mitgenommen habe, leisten mir gute Dienste. Morgen abend wird die Disputation fortgesetzt. –
Leider sind einige meiner Freunde nicht mehr hier; ein paar sind zur Landhilfe gekommen (Ernteeinsatz des RAD), und der konvertierte Architekt ist zur Gauleitung nach Köln kommandiert worden. –
Es kommen jetzt öfters Arbeitsmänner zu mir und leihen sich Bücher, was ich gerne tue. –
Nun, liebe Mutter, wünsche ich Dir, daß die Erholung lange vorhält. Vater wünsche ich alles Gute für die Reise, und Karlheinz soll nur ja nicht die vielen Grüße an viele vergessen. Orate pro mihi, und lebet wohl! Es grüßt Euch alle, besonders
Dich, liebe Mutter,
Gisbert
Ps. Mir ist eine reichseigene Unterhose abhandengekommen. Schickt mir bitte eine alte – es brauch keine gute zu sein – von mir. – Ich bin mal gespannt auf die Fotografien. Ihr könnt mir alles zusammen schicken, wenn Mutter die Strümpfe und Taschentücher gewaschen hat. Es eilt nicht. – Viele Grüße auch an Anna (Dienstmädchen) und die Angestellten!
G