Gisbert Kranz an seine Familie, 27. September 1939
Mittwoch, den 27.IX.39.
Meine Lieben!
Ist das doch ein seltsamer Krieg! Nun währt er schon 4 Wochen, und noch immer ist hier im Westen nichts los (ausgenommen Saarbrücken). Ich glaube, man hat jenseits des Kanals nur Angst, pure Angst. –
Den Brief und das Päckchen mit der Schokolade, den Zigaretten und Sahnebonbons habe ich erhalten. Vielen Dank! Ein Postsparbuch brauche ich nicht. – Wenn Ihr bedenkt, daß ich in den letzten Wochen drei Päckchen nach Hause schickte mit je 40 Pf. Porto, könnt Ihr Euch denken, wo die Briefmarken geblieben sind. Auf dem letzten Päckchen habe ich 7 Sechser draufgeklebt, da ich die beiden 40 Pf. Marken erst am nächsten Tag erhielt. Zigaretten braucht Ihr mir nicht zu schicken, da wir jetzt ja jeden Tag welche bekommen. – Hoffentlich ist mein Paketchen angekommen. Dein Wunsch nach einem freien Sonntag für uns ist in Er-
füllung gegangen. In dem Brief, den ich meinem Päckchen beilegte, schrieb ich ausführlich davon. – Wir haben jetzt Pullover mit Ärmeln bekommen. Mäntel haben wir schon seit Wochen. Du brauchst mir also nichts dergleichen zu schicken, liebe, sorgende Mutter. Wir werden hier mit allem versorgt. Die Öfen haben wir auch schon angemacht. Das ist auch nötig, denn das Wetter in der Eifel hier ist etwas rauher als in der Heimat. Gestern morgen war alles voll Rauhreif und hatte es in dieser Nacht tüchtig gefroren. Sonst ist das Wetter sehr gut und sonnig hier. Tagsüber wölbt sich ein sonniger, blauer Himmel über die Landschaft, die wir von unserer Baustelle aus 20-30 km in der Runde überblicken können, und es ist ein seltsames Gefühl, wenn man bedenkt, daß dies Land morgen schon vom Krieg verwüstet sein kann. – Obst braucht Ihr mir nicht zu schicken, da hier in Hülle und Fülle davon zu Kriegen ist. – Zum Zeichen dafür, daß wir nun den Behörden der Wehrmacht unterstellt sind,
haben wir nun die bekannten gelben Armbinden mit der Aufschrift „Deutsche Wehrmacht“ und dem Regimentsstempel empfangen. Schon seit Wochen tragen wir Gasmasken bei uns. –
Zur Kirche bin ich schon wochenlang nicht mehr gekommen. Da wir Sonntag für Sonntag arbeiten, ist nicht daran zu denken. Auch vergangenen Sonntag war es mir nicht möglich. – Dem Herrn Dr. Lieser habe ich bereits geantwortet. – Zum 20 jährigen Ehejubiläum schon jetzt meinen herzl. Glückwunsch! Hoffentlich könnt Ihr den Tag in schöner Weise begehen!
Vorhin erhielt ich aus Rheindahlen u. Lüdinghausen Post. –
Das Flexbuch kann Karlhz. 1. in der Stadtbücherei, 2. in der Bücherei der Karl Humann Schule, 3. bei irgendeinem Kaplan bekommen.
Lest Euch mal das Buch „Spione, Verräter, Saboteure“ durch, das ich Euch in meinem Päckchen mitschickte. Sehr spannend, - und heute unbe-
dingt wissenswert. –
Wir rechnen mit der Entlassung am 15. Okt. Hoffen wir das beste! –
Gestern war Varieté im Kloster. Artistik, Step-Tanz und allerlei Lustiges. Eine nette Abwechslung.
Gestern sind wir zum drittenmal geimpft worden. Diesmal hat man uns 1 ½ ccm eingespritzt. –
Schickt mir bitte möglichst bald ein Dutzend Taschentücher. Ich bat in meinem letzten Brief im Paket darum. Ebenso 4 Dosen Streichhölzer. –
Ich freue mich, daß Ihr mir so oft und so viel schreibt. Für Karlheinz’ und Mutters ausführliche Zeilen vielen Dank! Vaters Nachricht habe ich mit Interesse gelesen. An P. Kersebaum und an alle anderen, die nach mir fragen, viele Grüße! Es betet für Euch und grüßt Euch
Euer Gisbert.