Gisbert Kranz an seine Familie, 1. Oktober 1939

Westfront, den 1.X.39. (Sonntag).

Meine Lieben!

Mutters Karte von Donnerstag, 28.IX., und das Paket mit dem Paar Strümpfen habe ich vorgestern, „Päckchen Nr. 1“ mit den Streichhölzern und Mutters u. Vaters Brief gestern erhalten. Die Illustrierten und das Päckchen 2 mit den Taschentüchern ist noch nicht angekommen. Für alles vielen Dank! –

Daß ich Vater meine Zigaretten schickte, ist halb so wild. Ich rauche jeden Tag nur zwei bis drei, und sechs bekommen wir jeden Tag; außerdem hatte ich noch die vielen Astra-Schachteln, die Ihr mir geschickt habt. Von „Abziehen“ kann also keine Rede sein.

Mutter fragt nach der Stimmung der andern. Die ist ausgezeichnet, bloß ist jetzt alles gespannt, wann wir nun wohl entlassen werden. Es ist

zwar ziemlich sicher, daß wir am 15.X., also in 14 Tagen, entlassen werden, doch ist verlautet, daß der Entlassungstermin schon am 9.X. sei. Andererseits weiß man noch nicht, was kommt, und ist es nicht ausgeschlossen, daß der Entlassungstermin noch weiter hinausgeschoben wird. Dann wissen wir noch nicht, ob wir in Uniform oder Zivil, nach Hause fahren, und noch manche andere Fragen bedrängen uns, die im Mittelpunkt aller Unterhaltungen und Gespräche stehn. –

Daß ich den Brief von Herrn Dr. Lieser bekommen und beantwortet habe, schrieb ich schon. Vorgestern abend erhielt ich wieder einen Brief von ihm. Es wurde mir mitgeteilt, daß nach einer Verfügung des Reichskirchenministeriums die Kölner Theologen das Wintersemester 39/40 an der Erzbischöfl. Akademie in Paderborn verbringen. Das WS hat bereits begonnen, und ich wurde ersucht, mit einer beigelegten Bescheinigung den Versuch zu machen, vorzeitig aus dem

RAD entlassen zu werden. Ich habe dann auch gleich mit dem Abteilungsführer darüber gesprochen. Er sagte, ich könnte nicht vorzeitig entlassen werden. Bis jetzt sind nur die Medizin- und Chemiestudenten entlassen worden. Herrn Dr. L. schrieb ich einen Antwortbrief, daß unsere Entlassung erst am 15.X. (wahrscheinlich) sei. – Vom Staat aus ist verfügt worden, daß die Studierenden, die noch nicht eingezogen sind, ihr Studium fortsetzen sollen. Es ist also möglich und notwendig, daß ich gleich nach meiner Entlassung mein Studium aufnehme. Für die Kölner Theologen stehen in Paderborn Wohnungen in Privathäusern zur Verfügung. Die Gebühren an der Erzb. Akademie betragen für das Semester einschl. Einschreibegebühr 88 M. Kolleggelder werden nicht erhoben. –

Dr. L. schickte mir noch eine Liste mit den veränderten Adressen unserer Arbeitsdiensttheologen; daraus ist ersichtlich daß sehr viele sofort aus dem RAD heraus zur Wehrmacht eingezogen sind. –

Da wir heute dienstfrei haben, holte ich mir gestern vom Oberfeldmeister die Erlaubnis zum Besuch des Gottesdienstes. Als ich aber um ½ 8 an der Kirche war, erfuhr ich, daß heute die Messe erst um ½ 10 ist. Nachher war es mir nicht mehr möglich, zur Messe zu gehen. Schade. – Heute nachmittag haben wir Ausgang. Doch regnet es draußen, daß ich hierbleibe und lese. –

Gestern erhielten wir 15 M, davon 5 M Putz- und Flickmittel-Zuschuß. 8 M schicke ich per Postanweisung nach Hause. – Keks braucht Ihr mir nicht zu schicken, da es davon genug in der Kantine zu kaufen gibt, ebenso Zigaretten. Wenn Ihr es schwer habt, die Süßigkeiten zu bekommen, schickt mir bitte nicht mehr so viel. Es ist nicht nötig, daß Ihr auf Eure Karten für mich Schokolade kauft.

Meine Adresse heißt jetzt nicht mehr „RAD 2/296“, sondern nur noch „RAD 1/83“. – Es grüßt Euch herzlich

Euer Gisbert