Gisbert Kranz an seine Familie, 11. Januar 1940

Bonn, den 11.I.40.

Meine Lieben!

Wie ich hier angekommen bin, habe ich Euch schon geschrieben. Der Zug fuhr in Essen ziemlich pünktlich ab. Er war nicht überfüllt, sodaß ich während der ganzen Fahrt einen Platz hatte. Ab Duisburg fuhr mein Kommiliton H. Strasser mit mir. Er hatte einen Gestellungsbefehl bekommen und blieb nur kurze Zeit in Bonn, um dann sich zu gestellen. Im ganzen haben von unsern Theologen allein in den Ferien 36 einen Gestellungsbefehl bekommen. – Nachdem ich in Bonn meinen Koffer zum Leoninum gebracht hatte, das nicht weit vom Hbf. entfernt ist, besuchte ich Tante N., wo ich auch zu Mittag aß und bis zum Kaffee blieb. Dann ging ich zum Kasten zurück, um meine Bude einzuräumen. Ein Teil des Gebäudes ist von Soldaten belegt, sodaß wir eng zusammenrücken müssen, trotzdem wir durch die vielen Einberufungen zum Wehrdienst nur noch 120 Mann sind. Ein Teil schläft zu zwei auf einem Zimmer. Ich muß meinen „Bau“ auch mit einem Kölner teilen. Die Betten sind von der Wehrmacht beschlagnahmt worden, sodaß wir vorläufig auf Matrazen auf dem Boden schlafen müssen, bis (vielleicht nächste Woche) die neuen Betten kommen. Doch das kann uns nicht erschüttern; wofür waren wir im Arbeitsdienst?

Unser Tageslauf sieht so aus: Morgens um 6 Uhr schrillen auf allen Fluren die Schellen, und der Faulste muß Kraft dieser höheren Gewalt aufstehn. 6.20 Uhr Prim und anschlie-

ßend Messe. Danach Frühstück, ab 8 Uhr Kolleg. Da Prof. Tilmann nicht mehr liest und ein anderer erkrankt ist, haben wir ziemlich wenig Stunden. In den „Springstunden“ können wir Besorgungen in der Stadt machen, zum Frisör gehn oder nur in den Lesesaal setzen. Um 1 ¼ Uhr Mittagessen, das – wie die ganze Verpflegung in diesem Hause – gut ist. Der Nachmittag ist dem Privatstudium gewidmet, unterbrochen vom Kaffee. Der Mittwochnachmittag ist frei, um weitere Ausflüge in die Umgebung Bonns zu machen. Gestern war ich mit der Innung über den Venusberg durch den Wald nach Godesberg spaziert, ein weiter, aber schöner Weg. – Außerdem haben wir jeden Tag eine Stunde nach dem Mittagessen frei zum Ausgang. – Um 8 Uhr essen wir zu Abend; um 9 Uhr Komplet in der Kappelle. Dreimal kommt abends der Spiritual und hält uns einen Vortrag. Außerdem werden wir hin und wieder im Laufe des Tages in den Hörsaal zusammengerufen zu einem Vortrag oder einer Besprechung. Wir haben auch zwei Stunden wöchentlich Lateinunterricht im Konvikt vom Repetenten, wo wir Kirchenväter lesen. – Anbei ein Verzeichnis meiner Sachen, die ich hier habe. Einschl. derer, die ich in Gebrauch habe. Ich benötige noch 3 oder 4 Unterjacken und eine Anzahl Taschentücher und 1 Schlafanzug, die Ihr mir bitte schicken wollet. Außerdem schickt mir bitte die beiden Blocks, die in meiner Tischschublade liegen.

Es grüßt Euch vielmals Euer

Gisbert