Gisbert Kranz an seine Familie, 27. Januar 1940
Bonn, den 27.I.1940.
Meine Lieben!
Gerade komme ich von der feierlichen Immatrikulation aus der Universität zurück und will ich Euch gleich das Erlebte berichten. Die Feierstunde fand statt in der großen repräsentablen Neuen Festaula, an deren Stirnwand fünf Reliefs mit allegorischen Darstellungen der fünf Hauptfakultäten abschließen. Alsbald füllte sich der Saal, auf der rechten Seite die Neuimmatrikulierten, darunter sehr viele im Soldatenrock. Unter den Akkorden der Orgel zog dann der Rektor mit den Professoren ein, es mögen wohl über 100 gewesen sein (das sind noch lange nicht alle; von jeder Fakultät Abgeordnete), alle in ihren mittelalterlichen Trachten, jede Fakultät in ihrer eigenen Farbe. Nachdem die Professoren auf der Kathedra im Halbkreise dem Publikum gegenüber Platz genommen hatten, trat der Rector magnificus an das Pult und hielt eine Ansprache. Darauf übergab er das Rektorat dem neuen Rektor Prof. Dr. Chudoba, indem nach altem Brauch durch die Zeremoniare der Ornat-Talar und Kette- gewechselt wurde. Dann hielt die neue Magnifizenz eine Ansprache, während deren er die Gäste von Wehrmacht, Partei und Staat begrüßte und die Universität offiziell wieder öffnete. Darauf folgte die Vereidung der Neuimmatrikulierten und noch zwei Reden. nach der Meistersinger-Ouverture zogen die Professoren, unter ihnen manche in Majors- oder Oberst-Uniform, wieder hinaus.
Meine bürokratische Immatrikulation ist jetzt ebenfalls vollzogen. Sobald ich vom Sekretariat die Gebührenkarte bekommen habe,
werde ich sie Euch zusenden. Die Studiengebühren müssen in zwei Raten bezahlt werden. – Als Pflichtsport haben wir eine Stunde Hallenturnen und eine Stunde Boxen wöchentlich. Außerdem nehme ich noch am freiwilligen Sport teil, im Fechten und Schwimmen, wo ich den Grundschein erwerben will. –
Am Mittwochnachmittag bin ich mit fünf anderen Komilitonen zum Drachenfels gefahren. Wir waren auch oben auf der Burg. Die Ansicht war zwar wegen des Schneewetters schlecht. Der Schnee lag sehr hoch, und letzte Nacht hat es wieder geschneit. Es will und will nicht tauen. Man hat sich allmählich an die Kälte gewöhnt. Sämtliche Schulen Bonns sind wegen Kohlenmangels geschlossen worden. Übrigens lernten wir auf dem Drachenfels einen Soldaten kennen, der sich nachher als gewesener prot. Auslandseelsorger vorstellte. Er hatte überall im Ausland studiert, war in Budapest und Rom und hat nachher seinen Beruf an den Nagel gehängt und ist jetzt in Zivil Regierungsrat im Auswärtigen Amt (Außenministerium) und beim Komiß Funker im Hauptquartier des Führers, wo er als Dolmetscher dient. Er sprach fließend Französisch und Russisch. –
Morgen werde ich in der Beethovenhalle die Neunte hören. – Dienstag muß ich mit vielen andern zum Kriegseinsatz antreten, um Kies zu scheppen. Andere von uns müssen Kartoffeln transportieren und Kohlenschaufeln. –
Anbei die Quittung für das Pensionsgeld. Verwahren!
Es grüßt Euch vielmals
Euer Gisbert
Bitte schickt mir bald die Seifenkarte!