Gisbert Kranz an seine Familie, 29. Januar 1940
Bonn, den 29.I.1940.
Meine Lieben!
Für die Briefe Mutters und Karlheinz’ vielen Dank. Bezügl. Abschlußprüfung: Ich kenne meine Pappenheimer! Du fragst mich nach einem Dichter, den Du behandeln könntest. Das mußt Du selbst am besten wissen, da ich ja nicht weiß, was Du am meisten gelesen hast und welcher Dichter Dir am ehesten liegt. Muß es einer sein, der Ihr im Unterricht besprochen habt? Sonst nenne ich Timmermanns, ohne Dir aber irgendwie zu raten. Da Du von ihm schon einiges kennst, wird es Dir wohl am leichtesten sein über ihn zu sprechen, vor allem, da er ja ziemlich leicht ist. Seine Lebensgeschichte hat er selbst am Schlusse des Insel-Bändchens (Aus dem schönen Lier“ geschrieben, das auf meinem Bücherbrett steht. In der Prüfung würde ich auch eigen Kritik nicht unterlassen (sie muß ja nicht negativ sein!), denn das macht immer einen guten Eindruck und beweist, daß man sich mit dem Dichter tiefer beschäftigt und ein bestimmtes Verhältnis zu ihm gewonnen hat. Sage also auch, was Dir an dem behandelten Dichter bezw. Buche besonders gefällt (Stil, Ausdrucksweise) und warum es Dir gefällt. Bei Timmermanns ist das nicht schwer. In der Runde haben wir ja auch schon mal davon gesprochen. – Die Diskussion über die Schuhe beendige ich damit, daß ich sie mit dem Strumpfpaket nächstens einfach nach Hause schicke. – Daß die Runde ausfiel, ist ja nichts Neues mehr und das „Ausfallen“ gehört zu ihrem Wesen – wenigstens bei Euch. Womit ich nichts gesagt (lies: gemeckert) haben will! Beileibe nicht! – Das für Karlheinz.
In meinem letzten Brief habe ich gesagt, ich wollte die Quittung über 200 M beilegen, und es vergessen. Hier ist sie. –
Selbstverständlich werden hier auch die Namenstage der Kommilitonen gefeiert. Auch auf meinem Geburts- und Namenstag werde ich was springen lassen müssen. – Betten haben wir noch nicht bekommen, non habemus, non habebimus. Die Gardinen passen ganz gut. Mein Kamerad hat natürlich auch alles mitgebracht; seine Tischdecke paßt gut zu meiner, und da wir beide Tische zusammenstellen müssen, ist das von Vorteil.
Gestern war ich in der Beethovenhalle, wo ich die Ouvertüre zu Goethes Egmont und die Neunte Symfonie mit dem Schlußchor über Schillers „Ode an die Freude“ hörte. Unter den Musikern waren auch viele im feldgrauen Rock, und es war ein eigentümliches Bild, wie sie mit ihren Stiefeln und Waffenröcken zwischen den Smokings saßen. –
Viele Grüße an alle
Euer Gisbert