Gisbert Kranz an seine Familie, 22. Januar 1940
[Als ich unser verabredetes Zeichen in Deinem letzten Brief fand, konnte ich nichts Geschriebenes sehen. Mißbrauch gilt nicht! G.]
Bonn, den 22. Januar 1940.
Meine Lieben!
Euren Brief vom 19.I. habe ich erhalten, ebenso das Geld, wofür ich vielmals danke. Ich hoffe, daß es Euch gut geht und daß Ihr alle gesund seid. –
Karlheinz schrieb von der Kälte, die in Essen herrsche. Auch hier in Bonn, wo das Klim doch sonst so mild ist, herrscht seit Tagen eine Kälte, die um 15°- herum schwankt. Schnee liegt hier schon, solange ich hierbin. – Für die Abschlußprüfung rate ich Karlheinz, des Guten nicht zuviel zu tun und anstatt vom Mittag bis Abend hinter den Büchern oder der Schreibmaschine zu hocken, sich auch genügend Freizeit zu lassen. –
Bezügl. der Schuhe stelle ich folgendes fest: 1. Sie sind mir sehr eng. 2. Fehlen an beiden Haken für den Riemen, was bei meinen nicht der Fall war. 3. Habe ich den Eindruck, als ob es nicht meine wären. – Wer lacht da?! Trotz alledem kann ich mich irren. Übrigens waren 4. die Schnürriemen ganz zerrissen, was bei meinen nicht der Fall war; ich mußte mir gleich neue Riemen kaufen. –
Selbstverständlich kann ich die Wäsche hier waschen lassen. Ich habe mich in einer Wäscherei erkundigt. Wenn ich wöchentlich meine Wäsche abliefere, wird von der Seifenkarte nichts abgenommen. Andernfalls wird die Wäsche als Pfundwäsche behandelt. Da ich nun schon von drei Wochen schmutzige Wäsche habe, wird es nötig sein, daß Mutter mir die Seifenkarte schickt. Das die Schwestern waschen, kommt nicht in Frage und ist nicht
der Fall. Meine Strümpfe kann ich schon vor dem Namenstag schicken, damit Du, Mutter, nachher nicht alles aufeinmal hast. Zurückzuschicken brauchst Du mir dann aber nichts, da ich für die 11 Wochen, die ich in Bonn bin (in der Karwoche Trimesterschluß!) mit 14 Paar Strümpfen genug habe. –
Bezügl. Onkel R. spätere mündl. Aussprache. Der Herr sei ihm gnädig!
– Anbei Schecks für Karlheinz. –
Am Donnerstag hatten wir bei Met, Musik u. Mimik den Namenstag unseres Chefs gefeiert. Obwohl dieser Ernst heißt, gings doch sehr lustig zu. Alle Professoren kamen auf die Bühne; wir haben uns gewälzt vor Lachen. – Sonntagsmorgens beim Frühstück spielt die Hauskapelle (Klavier, Violine, Schlagzeug) beschwingte Weisen. „Erika“ und „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern) erschallen durch die geheiligten Räume. Einer, der besonderes Zeug zum Singen hat (er ist schon 33 Jahre und könnte Opernsänger sein), bringt „Alle Tage ist kein Sonntag“ und „Ich bin ein armer Wandergesell“. Nach verschiedenen Tonfilmschlagern fahren wir dann mit Gebrüll „gegen Engelland“. Zwischendurch bringt einer Verse über Vorkommnisse im Haus, die gebührend belacht werden. Ihr sehr also, daß es auch in einem „Kasten“ sehr lustig zugehen kann. – Ich habe mich auch schon so richtig eingelebt. Trotz der ungünstigen Verhältnisse (ich meine die Kriegszustände!) herrscht hier eine feine Gemeinschaft und man kann es schon aushalten. Mein Zimmer teile ich mit unserm Semestersenior, einem Kölner, früher ND Gruppenführer, mit dem ich gut aus komme. –
Für Prof. Behn, der Anthropologie liest, aber zum Wehrdienst eingezogen ist, hören wir seit heute einen andern Professor, der schon 75 Jahre alt und schon lange im Ruhestand ist. Er ist der Vorgänger und Lehrer Prof. Behns, zugleich sein Schwieger-
vater, und vertritt ihn jetzt. Der Gemeinrat (den Namen habe ich noch nicht behalten können, tut auch nicht zur Sache) [Dyroff], ein Mann mit mächtigem Kopf, weißem wirren Kopfhaar und Vollbart, einer Brille mit dicken scharfen Linsen, ist noch sehr lebendig und „liest“ mit Schwung und Energie und einer Stimme, die man ihm nicht zutraut, d. h. er „liest“ eigentlich nicht, sondern spricht frei, mit jugendlichem Feuer. Er sagte heute morgen: „Der Philosoph ist der Bewahrer des Menschentums und der Wächter der Religion und des Gottglaubens.“ Jeder Zoll an ihm ein Philosoph. – Wir haben jetzt 16 Stunden in der Woche, außerdem 2 Turnstunden (Pflichtsport, Boxen), zwei Lateinstunden im Konvikt und die nachmittäglichen Seminare, von denen ich das von Prof. Schwer („Die Aufgaben der Karitas u. Fürsorge. Das Bewahrungsgesetz 1933.“) belege. Ein Seminar ist eine zweistündige Konferenz des Professors mit einigen Schülern, eine Arbeitsgemeinschaft, indem Spezialfragen auf wissenschaftl. Gebiete behandelt werden in vertraulicher Ansprache zwischen Dozent und Schülern. Es nehmen gewöhnlich nicht viel mehr als ein Dutzend Studenten daran teil. Wir können dort Fragen stellen, bekommen auch Aufgaben und müssen auch mal selbst ein Referat ausarbeiten. –
Die Studiengebühren betragen das Trim. 80 M., außerdem 30 M Immatrikulation, Gebühren für Sport, Bibliothek etc, Soziale Abgaben 26,00 M., Kolleggelder 2,50 M je Wochenstunde (also 16 * 2,50 M = 40,00). Einschließl. der 200 M Pensionsgeld kostet ein Trimester dann nach Schürmanns Rechenbuch 376 M.
80
30
26
4
200 = 376
Ich will nun schließen. Es grüßt Euch herzlich
Euer Gisbert