Gisbert Kranz an seine Familie, 29. Februar 1940
Bonn, den 29.II.40.
Heute morgen hat Heinrich Lützeler, der bekannte katholische Kunsthistoriker u. Dozent an der Bonner Universität, seine Abschiedsvorlesung gehalten. Der Hörsaal war brechend voll von Studenten aller Fakultäten; man quetschte sich nur so an den Seiten des Saals. Zu gleicher Zeit lasen von unserer Fakultät Prof. Nötscher vor nur vier u. Schöllgen vor nur sechs Hörern, alle übrigen waren bei Lützeler. Neuß u. andere Professoren, auch Lützelers junge Frau, die an seinen Kollegs immer teilnahm, waren anwesend. Da kam er, todernst und gefaßt. Der Applaus wollte kein Ende nehmen. Dann wurde es mäuschenstill, u. Lützeler sprach mit seiner klaren, scharfen Stimme. Es ist erstaunlich, welch immenser Geister in diesem kleinen, unscheinbaren, verwachsenen Mann steckt! Er gab einen Rückblick auf seine bisherige Arbeit u. sagte u. a., 1934 habe man ihn schon verabschieden wollen. Da habe er nach Verzicht auf Gehalt u. auf die Aussicht, Professor zu werden, noch weiterlesen dürfen. Denn die geldliche Seite sei ihm nicht die Hauptsache, sondern der Beruf. (Er war ja die letzten Jahre an der Bonner Universität nur noch geduldet. Schließlich hatte man ihm auch untersagt, Vorlesungen in Kunstgeschichte zu halten, er las nur noch Griechische Philosophie.) Jetzt sei er durch ministeriellen Erlaß ohne Begründung endgültig verabschiedet – auf gut Deutsch: an die Luft gesetzt – worden.
Die Empörung bei diesen Worten war stark u. machte sich in anhaltendem Scharren Luft. Es war eine richtige Protestkundgebung. – Er führte weiter aus, der Dekan der philosophischen Fakultät habe seine Verdienste ausdrücklich gerühmt. Doch wir sollten nicht an ihn denken, sondern an die Wahrheit. – All das sprach er mit schmerzlichem Ernst, er, der sonst so lustig u. humorvoll sprechen konnte. Gegen Schluß sprach er schneller, um seine Erregung nicht zeigen zu müssen. Nachdem er eine halbe Stunde gesprochen hatte, schloß er mit den Worten: „Gott schütze Sie, Gott schütze unser Volk!“ Dann stürzte er vom Katheder auf den Ausgang zu, verhielt vor der Tür eine kurze Weile und stieß sie dann mit einem betonten Ruck auf, endgültig den Hörsaal hinter sich lassend. Seine Rede hatte tiefen Eindruck gemacht, man sah manchen Tränen der Wut u. des Schmerzes aus den Augen wischen.
Man spricht allgemein mit Empörung über die unverdiente Demission dieses bedeutenden u. geschätzten Gelehrten. Doch das ist nicht der erste, der so abgehen mußte, und es wird nicht der letzte sein. Die Besten müssen gehen, und andere vom Stil eines Börger rücken an ihren Platz. Welche Folgen wird diese geistige Diktatur für unser Volk haben?