Gisbert Kranz an seine Mutter Berta und Bruder Karl-Heinz, 25. April 1940
Bonn den 25.IV.40.
Liebe Mutter!
Für Deine Karte, für das Päckchen mit den erfrischenden Sachen vielen Dank. Das Wetter ist seit Tagen sehr warm. Bonn steht mit einem Male im Blütenschmuck und ist nicht wiederzuerkennen. Daß ich da natürlich viel spazieren gehe oder mit dem Rad durch die Gegend sause, versteht sich. Sonntag war ich per Rad in Remagen, gestern mit meinen Komilitonen zu Fuß auf Umwegen 15 km. nach Godesberg, wo wir auch auf der Godesburg waren, heute nachmittag zu einem Besuch bei Dresen nach Siegburg. Trotzdem es einen stündlich ins Freie lockt und das Wetter die Gedankenarbeit oft unerträglich macht, arbeite ich nach festem Schema. Außerdem ist das Studium sehr interessant, da ich bei vielen Professoren zum erstenmal belege, z. B. Vogels, Schöttgen, Peters u. beim großen Dölger. Der Gedanke, daß wir nicht faulenzen dürfen, wo Zweidrittel unserer Theologen bereits im Feld stehen und wir selbst jeden Augenblick eingezogen werden könne, treibt mich immer wieder zu ernster Arbeit an, ganz abgesehn von dem großen Ziel, das ich mir gesteckt habe. Die Karte vom WBK anbei, besagt nicht, daß ich alsbald eingezogen werde. Zuerst kommt noch Jahrgang 20 dran. Überraschend kann meine Einberufung nicht erfolgen, da ich erst gemustert werden muß. – Tante Aloisia, für deren Zeilen ich danke, einen schönen Gruß. – Es grüßt Dich, ebenso Vater, herzlich
Dein Gisbert
Lieber Karlheinz!
Wer sollte bei dem herrlichen Wetter zu Hause sitzen bleiben? So dachte ich Sonntag. Wir hatten zwar nur bis 4 Uhr Ausgang (das Mittagessen war um ½ 1 zu Ende), doch bis dahin konnte ich mit der Karre noch nach Remagen fahren, hin und zurück 40 km. Aber Kuchen[=?]! Die Luft war blau, das Wetter schön... da hatte ich schon eine Reifenpanne: Ein dicker Nagel im Hinterrad. Geflickt u. weiterfahren. Zwischen Rolandseck u. Remagen ließ die Luft wieder nach. Aufgepumpt u. weiterfahren. In Remagen – schönes, altes Städtchen, Appolinarisheiligtum – die Kirche besichtigt: alt, romanisch, berühmt. Auf der Rückfahrt alle 5 Minuten absteigen u. aufpumpen! Vorder- und Hinterrad Platten. Schließlich war ich’s satt. Vor Mehlem (weißt Du noch? Pfingsten 1936!) Rad umgedreht u. Hinterreifen repariert. Schon ½ 5 Uhr! Kaum 100 m gefahren, wieder Platten, an beiden Rädern! Es waren mehrere Stellen kaputt. 8 km nach Hause geschoben. 6 Uhr Ankunft im Leoninum, wo um ¼ 6 schon die hochoffizielle Eröffnungsfeier in der Festaula begonnen hatte. Als ich mich nachher beim Chef entschuldigte, meinte er: „Sie müssen sich Drahtspiralen um die Felgen legen, wie es sie ja im Weltkrieg gab, dann gibts keine Platten mehr!“ Es waren mehrere Stellen kaput. Für 1 M habe ich dann mein Rad flicken lassen. Schon einigemale wieder mit gefahren, bis heute hält die Luft. So werde ich wohl die Tour nach Siegburg – zu der ich gleich starte – überstehen.
Anbei Oraschecks. Es grüßt Dich und Günter
Dein Gisbert