Gisbert Kranz an seine Mutter Berta, 2. Mai 1940

Bonn, Himmelfahrt 1940.

Liebe Mutter!

Für Deinen Brief herzl. Dank!

Bei Dresen wars fein. Er hat einen Feldpfarrer (Major) in Quartier. Mit diesem, einem Studienrat, einem Lehrer u. Dresens Kaplan saßen wir den Nachmittag zusammen. Ich soll natürliche viele Grüße bestellen. – Studiendirektor Reusch habe ich neulich auch besucht, ihn selbst aber nicht angetroffen. Seine Frau sagte, er sei verreist u. würde Himmelfahrt zurücksein. Sie habe ihn gedrängt, doch einmal nach Steele zu fahren. Er ist seit 1933 nicht mehr da gewesen, aus Scheu u. Angst. Er rechnet damit, bald als Hauptmann eingezogen zu werden. –

Diese Woche ist fabelhaft: Drei Tage kein Kolleg! Am Dienstag hatte die Innung mit einigen Alten Herren in Grau-Rheindorf feierliches Hochamt. Nachher gemütl. Beisammensein. Nachmittags war noch einmal Alfred Deuter da, dessen Transport erst 2 Uhr nachts von Bonn abging.

Gestern, am 1. Mai, hatten wir vom Kasten und von der Uni aus „Dies“, und so nutzte ich das herrliche Wetter aus, eine feine Fahrt zu machen. Die Strecke ging über Godesberg – Mehlem – Oberwinter – Remagen – Sinzig, dann ins Ahrtal hinein über Appolinarisbrunn – Neuenahr – Ahrweiler. Ab Walporzheim, einem Dorf mit kleinen uralten Fachwerkhäusern, wurde es romantisch. Hier windet sich die Ahr zwischen hohen Bergen hindurch, die kaum 100 m

weit gegenüberstehen und wenig Raum für die Talsohle lassen. Ein Berg schiebt sich kulissenartig hinter den andern, und immer neue Bilder eröffnen sich: Burgen, getreppte Weinberge, schroffen Felsen – einfach herrlich. Ich habe auf meinen Fahrten viele Täler gesehen; vor zwei Jahren war ich im Ötztal, das als das schönste Alpental gilt: Das Ahrtal übertrifft aber alle. – In Altenahr aß ich zu Mittag, dann folgte ich der Ahr weiter bis Dümpelfeld, wo ich nach Norden abbog nach Münstereifel. In Kirchheim besuchte ich Emonds. Frau Marcus bediente mich. Er hat seit 6 Wochen einen jungen Hauptmann aus dem Münsterland in Quartier, mit dem ich zusammen den Nachmittagskaffee einnahme. Emonds selbst konnte ich nicht lange genießen, da er „dienstlich“ zu tun hatte. Kurz bevor ich weiterfuhr, kamen noch zwei Damen aus Essen zu Besuch, ein gewisses Frl. Dr. Soundso, welche Dich kennt (vom Hdwg. Dransfeld-Haus). – Im ganzen betrug die Strecke 125 km. –

Heute haben wir wieder Frei. Gleich um ½ 10 feierliches Levitenamt, bei dem ich als Cereferar fungiere. –

Sonntag hielt ich einen Vortrag: Moderne Architektur, der Weg zu einem neuen Stil.

Als Pflichtsport haben wir in diesem Trimester Schwimmen. Den Fechtkursus mache ich weiter mit. –

Teile mir bitte die Anschriften von Klaus u. von T. Nettchen mit.

Es grüßt Dich herzlich, auch Vater,

Dein Gisbert

Bezügl. Krankenkasse frage ich nochmal beim Sekretariat an. Genügt nicht die Angabe: Versicherung bei der Universität Bonn?